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Unter der kleinen Wolke

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Ein moderner Klassiker über fest verwurzelte menschliche Ängste ist das Stück »Kampf des Negers und der Hunde« in der ARGEkultur Salzburg. (Foto: ARGEkultur)

Man kommt man anders aus dieser Aufführung heraus, als man hinein gegangen ist, ohne »Betroffenheitstheater« erlebt zu haben. Was für ein Stück! Erstaunlich eigentlich, dass es in Zeiten wie diesen, da Grenzzäune errichtet werden und viele sich so dicht wie möglich abgeschottet wissen wollen von »denen da draußen«, nicht landauf, landab auf den Theaterspielplänen auftaucht.


Da steht er also plötzlich, der »Neger«, auf der streng bewachten Baustelle der Weißen, irgendwo auf dem schwarzen Kontinent. Er will nichts weiter als den Leichnam seines Bruders. Er beschuldigt niemanden. Er verlangt kein Geld. Er ist da und wird schon damit als eine Bedrohung wahrgenommen. Die Weißen: Da ist Horn (Theo Helm), der Leiter der gut abgeschotteten Baustellen-Enklave. Er ist vielleicht eine Spur friedliebender, jedenfalls vernünftiger als der Arbeiter Cal (Benedikt Vyplel), ein delirierender Heißläufer, für den das Gewehr allemal das beste Mittel bei der Lösung welchen Problems auch immer ist. Er hat den Tod eines indigenen Arbeiters auf dem Gewissen. In diese Männergesellschaft schneit Léone (Elisabeth Nelhiebel) hinein, eine Französin, potentielle Ehefrau von Horn. Sie nimmt Afrika als exotisches Irgendetwas wahr, in einer nicht minder gemeingefährlichen Mischung aus Naivität und Neugier.

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Bernard-Marie Koltès’ Text aus den frühen achtziger Jahren zeichnet sich durch pointierte Verknappung aus und dadurch, dass er vieles mehrdeutig lässt, auch die Wesensart der Figuren. Was dafür umso eindeutiger heraus kommt: So etwas wie Einander-Verstehen zwischen dem »Neger« Alboury (Abdirizak Ali Nuur) und den Weißen ist nicht in Spurenelementen möglich. An ihm prallt all ihr aufgesetztes, bewusst oder unbewusst verlogenes Gerede ab. An seiner Nicht-Reaktion bricht sich alle Scheinheiligkeit. »Kampf des Negers und der Hunde« ist rabenschwarzes Theater. Wer da im Recht ist und mit welcher Begründung – das spielt im Stadium des ultimativen Voneinander-abgeschottet-Seins nicht die geringste Rolle mehr.

Bernard-Marie Koltès (1948-1989) kannte die Brisanz, die sich in verschiedenen Pariser Arrondissements abzeichnete. Das Weißen-Lager, das in der dichten, verknappenden Inszenierung von Petra Schönwald in der ARGEkultur von einer Schilfmatte scheinbar blickdicht abgeschottet ist zur Außenwelt, war schon damals eigentlich überall. Petra Schönwald setzt auf durchaus krasse Figurenzeichnung und es ist den Darstellern wohl anzuschreiben, dass Klischeebilder trotzdem weitgehend außen vor bleiben. Alle drei Bühnenfiguren scheinen zu wissen, dass sie Protagonisten einer Endzeit sind.

Abdirizak Ali Nuur als Alboury: Der junge Mann aus Somalia steht hinter einem elastischen Absperrband, das man eher in einem Kongresszentrum erwarten würde als hier. Einen einzigen großen Monolog hat er. Als »unter der kleinen Wolke« stehend beschreibt er sich und seinen Clan stehend. Man versteht ihn nicht wirklich gut, aber das passt gut, denn seine Gegenspieler auf der Bühne verstehen ihn ganz und gar nicht. Das Denken funktioniert auf anderen Kontinenten eben doch anders, aber das auszusprechen, ist gar nicht so populär. Stellt es doch die Überzeugung der Europäer in Frage, dass ihre Sicht, ihr rechts- und Kulturverständnis einfach in die Dritte Welt zu importieren sei.

So radikal ist Bernard-Marie Koltès. Und genau das ist eben der Unterschied zu unserer allgemein verbreiteten Betroffenheits-Kultur, in der Leute, die im Grunde keine Ahnung haben, ihre Europa-zentrierten Gescheitheiten verbreiten. Mit lauteren Absichten, versteht sich.

Weitere Aufführungen finden am 3. und 4. März im Studio der ARGEkultur statt, Karten gibt es unter www.argekultur.at. Reinhard Kriechbaum