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Unter Grundschullehrern herrscht »blankes Entsetzen«

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Traunstein: "Blankes Entsetzen" unter Grundschullehrern zu Stunden-Erhöhung
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Grundschullehrer werden händeringend gesucht, auch im Landkreis Traunstein. Noch sind zwar laut Schulamtsleiter Otto Mayer alle Stellen besetzt. »Aber das Ganze war schon im letzten Schuljahr auf Kante genäht. Aktuell habe ich keine einzige Vollzeitkraft mehr im Hintergrund.« (Foto: dpa)

Traunstein – Unter den Kollegen herrsche »blankes Entsetzen«, sagt der Vorsitzende des Kreisverbands Traunstein des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands (BLLV), Alexander Fietz, zu den Plänen von Kultusminister Michael Piazolo.


Der hatte verlangt, ab dem kommenden Schuljahr sollten Grundschullehrer jede Woche statt 28 nun 29 Stunden pro Woche unterrichten. Vor allem würden die Forderungen Piazolos als mangelnde Wertschätzung ihrer Arbeit empfunden, so Fietz. Infrage gestellt werde auch, ob der Dienstherr seine Fürsorgepflicht schon noch ernst nehme.

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Weniger Stunden, um Arbeit gut zu machen

»Meine Kollegen wollen alle ihre Arbeit professionell und gut machen«, so Fietz. Manche – besonders ältere Kollegen – reduzierten allein deshalb ihre wöchentliche Arbeitszeit, um all den Ansprüchen und Notwendigkeiten gerecht zu werden. So habe sich die Familiensituation vieler Schüler geändert, Depressionen und Psychosen gebe es schon im Grundschulalter. Allergien und Bewegungsmangel setzten den Kindern zu. »Wir haben schon Rückmeldungen über Angststörungen aus Kindergärten«, so Fietz.

»Die Kinder können nichts dafür, aber wir müssen das alles bewältigen«, sagt er. Auch Zuwanderung und Inklusion änderten manches. »Wir haben heute teilweise drei, vier Leistungsstufen, denen wir gerecht werden müssen. Lehrer wollen alle Kinder so gut wie möglich begleiten. Aber für all das gibt es keine zusätzlichen Stunden.«

Eine besondere Herausforderung seien Übertrittsklassen. »Das ist enorm, welchen Druck die Kinder untereinander da aufbauen, aber natürlich auch viele Eltern«, sagt Fietz. Sehr hilfreich sei es, dass zumindest die Teilzeitregelungen aus familiären Gründen, etwa zur Kindererziehung oder Pflege von Angehörigen, nicht angetastet würden.

Aber vor allem die Streichung der Möglichkeit, mit 64 Jahren auf Antrag in Ruhestand gehen zu können, sei ein Riesenproblem für viele ältere Kollegen. Sie hätten sich ja meist bereits auf ihre Lebensplanung eingestellt, etwa um vorhersehbare gesundheitliche Dinge wie zum Beispiel Hüft- oder Zahnoperationen planen zu können. Das wurde nun um ein Jahr bis zur Vollendung des 65. Lebensjahres hinaus geschoben.

»Da ist es wirklich die Frage, ob das den erhofften Erfolg bringt, denn manch einer wird halt dann aus gesundheitlichen Gründen eher in den Vorruhestand gehen.« Auch die Möglichkeit zu sogenannten Sabbatjahren werde gestrichen. »Dabei stellt das Ministerium ja gleich klar, dass man weitere Register ziehen will, wenn die verordneten Maßnahmen nicht ausreichen«, so Fietz.

Völlig verfehlte Personalpolitik

»Aus meiner Sicht ist das eine völlig verfehlte Personalpolitik«, sagt er weiter, zumal BLLV und Philologenverband bereits seit Jahren mehr Lehrerausbildung gefordert hätten. Gerade Oberbayern brauche dringend mehr Grundschullehrer, »denn wir haben hier allein ein Drittel aller Stellen in Bayern, weil der Zuzug so stark ist. Aber das können wir nicht ändern. Und wir brauchen die Lehrer da, wo die Schüler sind.«

Die Kollegen wünschten sich aber dringend eher eine Ent- als eine neue Belastung und wollten die Wertschätzung des Dienstherrn spüren – »wir wollen alle unseren Beitrag leisten, dass die Schüler gut unterrichtet und gefördert werden, wir wollen unsere Arbeit ruhig und motiviert machen können. Das heißt jetzt nicht, dass wir nicht zu Projekten bereit sind. Aber hier werden Löcher gestopft, die bei vorausschauender Planung gar nicht entstanden wären.«

Generell würde sich Fietz auch eine andere Art der Lehrerbildung wünschen. Wichtig wäre seiner Meinung nach ein gemeinsames Grundstudium für alle Lehrer mit erst späterer Spezialisierung auf den jeweiligen Schultypen, »damit Lehrer flexibler einsetzbar sind. Dazu wäre auch eine Angleichung der Besoldung notwendig, damit der Beruf wieder attraktiver wird.«

»Wie sich das auswirken wird, kann ich derzeit noch gar nicht abschätzen«, sagt dazu auch Schulamtsleiter Otto Mayer. »Denn möglich ist, dass nun Kolleginnen kündigen oder bis dato duldsam ertragene Krankheiten öffentlich machen, um doch wie geplant mit 64 Jahren in den Ruhestand gehen zu können.« Die Zahl der Grundschullehrer im Schulamtsbezirk sei »eh auf Kante genäht«. Er freue sich mit jeder Kollegin, die eine Familie gründen könne, aber »als Schulamtsleiter hab' ich da natürlich zu knabbern«.

Keine einzige Vollzeitkraft mehr

Bereits vor Weihnachten hätten sich 35 schwangere Kolleginnen gemeldet, in den vergangenen beiden Schuljahren seien am Ende jeweils etwa 50 Kolleginnen wegen Schwangerschaft ausgefallen. 17 der bisher 35 gemeldeten Kolleginnen seien bereits im Mutterschutz. Alle seien zwar vertreten. Aber zum Teil müssten sich zwei Teilzeitkräfte eine Klassenleitung teilen. »Und ich hab' schon jetzt keine einzige Vollzeitkraft mehr im Hintergrund«, so Mayer.

Abhilfe schaffen könnte seiner Meinung nach nur, den Beruf wieder attraktiver zu machen. Das bedeute unter anderem die Besoldungsstufe A 13 statt A 12 für Berufsanfänger. Im Endeffekt sei er aber der verlängerte Arm der Bayerischen Staatsregierung und habe deren Vorgaben umzusetzen. »Und ich will das für meine Lehrer und die Schüler so umsetzen, dass es möglichst gut machbar ist«, so Mayer.

coho