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Unterhaltung mit Untiefen

Sie scheinen einem Gemälde des kritischen Expressionisten George Grosz entsprungen: all die lasziven Mädchen in Dessous, die Tänzerinnen zu sein scheinen, aber ihr Geld woanders verdienen, der schmierige Conférencier, der sich in den Schritt greift, wenn er die Tingel-Tangel-Girls vorstellt oder die hübschen Jungs im Smoking präsentiert. So kritisch, wie der Berliner Maler die dekadenten Großstadt-Typen der 30er auf seine Bilder bannte, hat auch der Wiener Regisseur Werner Sobotka das Musical »Cabaret« inszeniert. Nur Grosz Stützen der Gesellschaft fehlen auf der Bühne – sie sitzen davor, an kleinen Tischchen mit grellroten Lampen, an denen nur die Tischtelefone jener Zeit fehlen... .

Dass das Gärtnerplatztheater derzeit von einem Ausweichquartier zum nächsten zieht, scheint die Arbeit der jeweiligen Regisseure nur zu befruchten. So auch diese; es gab viel Szenenapplaus und Jubel nach der unkonventionellen Aufführung, die sich um Publikumserwartungen nach Glamour und Glitzer nichts scherte – und es nicht nötig hatte, Anleihen aus Bob Fosses Filmadaption zu nehmen. Der Berliner Kit-Kat-Club: ein heruntergekommenes Etablissement mit ein paar flackernden Glühlampen, ein Spielort, der sich mit seinen stumpfen Spiegelwänden durch ein paar Requisiten schnell verändern ließ. Darüber die fetzige Band aus seriösen Orchestermitgliedern des Hauses, die den Sound schön schräg bürsteten, sodass das Jazzige, aber auch die Kurt Weill Anklänge wohl zu hören waren (Leitung: Andreas Kowalewitz). Auch bei den Ohrwurm-Songs wie »Welcome«, »Two Ladies«, »May be this Time« , »Money« oder der Titel-Meldodie »Life is a Cabaret« – nichts von seifigem Wohlklang, sondern durchaus so manche Dissonanz, so manche ungewohnte Phrasierung in der Interpretation.

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Hinreißend Nadine Zeintl, die ihre Sally Bowles als äußerlich exaltiertes, innerlich jedoch zerrissenes Wesen gab – mit unglaublicher Körperpräsenz, tänzerisch wie mimisch variabel und einer Stimme, die die ganze Bandbreite zwischen sanftem Liebeslied und kreischiger Aggression drauf hat. Dagegen blieb Dominik Hees als ihr Liebhaber Cliff eher brav, während Markus Meyer vom Burgtheater in der Rolle des Conférenciers brillierte. Mit Sängerin Gisela Ehrensperger als ältliche Zimmerwirtin Fräulein Schneider gab es ein Wiedersehen – anrührend die Liebesszenen zwischen ihr und dem Juden Schultz (Franz Wyzner).

Regisseur Sobotka hat den Szenenreigen rasant in Szene gesetzt, die Übergänge perfekt getimt und, unterstützt durch eine fetzige Choreographie, aufs Tempo gedrückt. Vor allem aber ist die Atmosphäre der Zeit zwischen Weltwirtschaftskrise und Machtergreifung eingefangen. Denn die Zeitgeschichte spielt die Hauptrolle in dieser Inszenierung: Dafür erscheint zweimal ein blonder Hitlerjunge mit glasklarer Stimme, und wenn Jens Schnarre, Verkörperung des aufkommenden Nationalsozialismus, die Hakenkreuzbinde auf dem Ärmel freilegt und alle das Lied vom »Morgigen Tag« anstimmen, bekommt man Gänsehaut – man weiß, was auf Deutschland zukommen sollte. (Bis 10. 3., Tel. 089/2185-1960) Barbara Reitter