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Unterschiede, die sich kongenial ergänzen

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Ölgemälde auf Holz von Heinrich Stichter aus der Serie »Nocturnes« Variationen. (Foto: Giesen)

»Der bedrohte Mensch – Nocturnes – Variationen« ist eine neue Ausstellung in der Städtischen Galerie Traunstein überschrieben. Der Bildhauer Konrad Kurz und der Maler Heinrich Stichter, zwei Künstler, die das künstlerische Leben der Region und weit darüber hinaus in den letzten Jahrzehnten bereichert haben, zeigen ihre Werke in einer eindrucksvollen Doppelausstellung.


So verschieden die Künstler sind, so unterschiedlich ihre Herangehensweise und Techniken – so unerwartet kongenial ergänzen und harmonieren ihre Werke, als seien sie eigens für diese Präsentation entstanden. Dabei schuf Konrad Kurz seine große Rauminstallation »Der bedrohte Mensch« bereits vor über 30 Jahren, nämlich 1982. Sie war bereits in Ingolstadt, Traunreut und London zu sehen, nun auch in Traunstein.

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Konrad Kurz, 1934 geboren, gehört seit jeher mehr zu den gegenständlich, figurativ arbeitenden Künstlern. Während er mit seinen Bronzeplastiken einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht hat, sind die hier verwendeten Materialien Gips und Wachs. Wie in Kurz' gesamten Schaffen stehen auch hier die existenziellen Fragen des Menschen im Mittelpunkt.

Beim unvorbereiteten Betreten des zweiten Stockwerks der Galerie mag dem Betrachter erst einmal der Atem stocken: Auf einer schwarzen Plastikplane liegen ungeordnet auf Bauch oder Rücken sieben lebensgroße Körperhüllen von Männern und Frauen, die wie durch ein plötzlich eingetretenes, schreckliches Ereignis tot daliegen, teils verrenkte oder versengte Körper, manche ohne Kopf mit abgerissenen Gliedern. Vulkanausbruch, Naturkatastrophe, Atomunfall, Krieg? Alles ist denkbar. Der Eindruck roher zerstörerischer Gewalt beherrscht die Szene.

Den Figuren zugeordnet sind in den Objektkästen an der rückwärtigen Wand des Raumes sieben, ungemein einfühlend gearbeitete, sensibel, fast zart erscheinende Wachsporträts – durch sie wird den anonym am Boden liegenden, unbeseelten Gestalten ein individuelles und persönliches Gesicht gegeben.

Form und Inhalt

»Form und Inhalt, das Kernkriterium der bildenden Kunst, zeigt sich in der Installation von Konrad Kurz als symbolisch aufgeladene, mächtige Metapher für den Gegensatz von Materie und Geist, von vergänglicher Stofflichkeit und unsterblicher Seele«, erklärte die Leiterin der Städtischen Galerie, Judith Bader, in ihrer Einführungsrede bei der gut besuchten Vernissage. Dass bei der Komposition von Figuren und Objektkästen eine Kreuzform angedeutet ist, mag die elementare Kraft, die psychische, politische und religiöse Empfindungen ansprechende Installation noch steigern. Dazu kommen die drei aufrecht an der Wand stehenden Figuren mit den Titeln »An der Wand«, »Exekution« und »Abstieg«, die als weitere Vertiefung der Kreuzform gelesen werden können.

Elementarer Anspruch

Diesen existentiellen und elementaren Anspruch an sein künstlerisches Schaffen hat auch der 1940 geborene Traunsteiner Künstler Heinrich Stichter. Wie Konrad Kurz studierte er an der Kunstakademie in München, und auch bei ihm ging dem Studium eine fundierte handwerkliche Ausbildung an der Berchtesgadener Schnitzschule voraus, wo er zum präzisen Zeichnen von Akten, Gewandstudien und Skizzen nach der Natur angehalten wurde. Dennoch (oder vielleicht gerade deshalb?) entschied sich Stichter im Laufe seiner künstlerischen Entwicklung konsequent und unaufhaltsam gegen das gegenständliche Wiedergeben des Sichtbaren, wandte sich in seinem gesamten malerischen Werk der letzten Jahrzehnte radikal von jeglicher Abhängigkeit von einer nachzubildenden Vorlage ab. Bis ins Detail hinein ist das vollendete Bild bei Stichter unmittelbarer, dynamisch kraftvoller Ausdruck in Farbe und Form.

In dieser Ausstellung ist eine Serie von großformatigen Ölbildern auf Holz zu sehen – »Nocturnes« Variationen, die erst in den letzten beiden Jahren entstanden sind. Die Farben in allen Bildern sind dunkelbraune bis schwarz lineare Formen bis zu hellen, beigen, hellgelben, manchmal leicht rosa Flächen. Auch wenn der Betrachter wahrscheinlich vergebens versucht, hier irgend ein konkretes Abbild der Wirklichkeit » hineinzuinterpretieren«, wird er gefangen genommen, nicht von einer Geschichte, die hier erzählt wird, sondern von dem »Ereignischarakter der Bilder«, wie es Judith Bader ausdrückte, die der Schlüssel für den emotionalen Zugang sind. Stichters Bilder werden keinen »kalt lassen«.

Die verwendeten Materialien – oft kräftig und pastos aufgetragene Farbe – treten in Kontakt miteinander, Flächen und Linien, Dichte und Immaterialität, Farbe und Form ergeben eine unglaublich dichte Atmosphäre, für die – obwohl großzügig gehängt – der vorhandene Raum in der Städtischen Galerie fast zu klein erscheint. Alle Bilder Stichters sind neu geformte, umgewertete Materie – Ergebnis eines Schöpfungsaktes, der sich kraftvoll in jedem Einzelbild wie auch in der Serie manifestiert. Bei aller Dynamik geht von den Bildern eine große Konzentration und ruhige Klarheit aus, die sich dem Betrachter in einem einfühlenden Wahrnehmungsprozess vermittelt.

Denkmuster aufbrechen

Konrad Kurz – der gegenständliche Bildhauer – und Heinrich Stichter – der nicht gegenständliche Maler – verbindet der elementare Anspruch an ihr Schaffen und der künstlerische Impuls, eingefahrene Denkmuster und Sehgewohnheiten aufzubrechen und ein vielschichtiges, komplexes Bild der Wirklichkeit zu entwerfen. Die Werke beider Künstler sprechen den Betrachter unmittelbar an, fordern ihn heraus und zwingen ihn zur Auseinandersetzung.

Geführte Ausstellungsrundgänge mit Judith Bader und den Künstlern finden an den Sonntagen 5. und 26. Mai jeweils um 15 Uhr statt. Die Doppelausstellung ist bis zum Sonntag, 26. Mai, mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr, am Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen von Gruppen sind nach Absprache jederzeit möglich, Telefon 0861/164319. Christiane Giesen