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Ludwig-Thoma-Lesung mit dem Schauspieler Michael Lerchenberg im Traunreuter k1

Urbayer, Heimatdichter und Rebell

Einem so vielseitigen wie produktiven Schriftsteller wie Ludwig Thoma in knapp zwei Stunden gerecht zu werden, ist keine Kleinigkeit. Zumal Thoma ein recht schwieriger, widersprüchlicher und schwer zu fassender Mensch war. Doch der renommierte Schauspieler, Autor und Regisseur Michael Lerchenberg hat es geschafft: In seiner Lesung zum 150. Geburtstag (21. Januar 1867) Thomas hat er im vollbesetzten Studiotheater des Traunreuter k1 Auszüge aus dessen Prosa, Lyrik, Dramen und Briefwechsel präsentiert, die ausreichten, um sich ein Bild von Thoma zu machen.

Michael Lerchenberg bei seiner Lesung im Traunreuter k1, an der Harfe begleitet von Marlene Eberwein. (Foto: Heel)

Als roter Faden diente ihm dabei Thomas Verhältnis zu den Frauen. So hatte Thoma, früh Halbwaise geworden und in Schülerheimen oder bei entfernten Verwandten untergebracht, ein recht gespanntes Verhältnis zu seiner Mutter, der er nichts recht machen konnte. Hierzu zitierte Lerchenberg einen Brief Thomas an seine Mutter, in dem sich der damals 17-jährige Schüler über mangelndes Verständnis beklagt. Ein Umstand, der Thoma später aber nicht daran gehindert hat, seine Kindheit zu verklären, etwa in den hintersinnig-humorvollen »Lausbubengeschichten«, seinem wohl populärsten Werk. Ein Beispiel hierfür war die Geschichte vom Besuch der Tante Frieda bei den Thomas, die Lerchenberg anschließend vorlas. Ein unerwünschter Besuch, versteht sich, der sein vorzeitiges Ende findet, nachdem der kleine Ludwig dem Papagei der Tante mit einer Ladung Schwarzpulver auf den gefiederten Leib gerückt ist.

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Obwohl anfangs immer knapp bei Kasse, hatte Thoma in dieser Hinsicht durchaus seine Prinzipien, wie eine autobiografische Notiz beweist, die Lerchenberg anschließend wiedergab. So hatte Thoma mit 30 Jahren die Tochter eines Nürnberger Getreidehändlers kennengelernt, »eine 16-jährige mit enormer Büste«. Eine Verbindung, die Thoma den Aufstieg in die »besseren Kreise« ermöglicht hätte. Doch dann begeht der Kaufmann einen furchtbaren Fauxpas: Er drückt dem armen Rechtsanwalt beim Verabschieden ein 10-Mark-Stück in die Hand. »Ich habe daraufhin das Frauenzimmer links liegen gelassen«, so Thomas Reaktion.

Dabei war Thoma dem weiblichen Geschlecht recht zugetan, wie Lerchenberg weiter ausführte, war ein »regelrechter Erotomane, Schürzenjäger und Weiberer«, der freie Liebe predigte und weder in München noch auf seinen Reisen durch Frankreich, Nordafrika und Italien etwas »anbrennen ließ«. Das änderte sich erst, so Lerchenberg weiter, nachdem Thoma 1905 seine (erste) große Liebe gefunden hatte, eine auf den Philippinen geborene Tänzerin, die er ihrem Ehemann für 16 000 Reichsmark einfach abkaufte. Doch die Ehe war glücklos, nach vier Jahren wurden sie geschieden, blieben aber weiterhin ein Paar.

Ein Macho und Weiberheld war Thoma somit gewiss. Aber auch ein Weiberfeind, soweit es politisch engagierte Frauen respektive Frauenrechtlerinnen wie Rosa Luxemburg oder Amalie Mettenleitner betraf.

Gegen die hegte er eine herzliche Abneigung, von Lerchenberg mit entsprechenden Gedichten und Erzählungen Thomas belegt. Eigentlich erstaunlich, denn während seiner Tätigkeit bei der satirischen Wochenzeitschrift »Simplicissimus« hatte sich Thoma immer wieder mit der Obrigkeit, selbsternannten Sittenwächtern und dem Klerus angelegt. Etwa mit seinem Gedicht »An die Sittlichkeitsprediger in Köln am Rheine«, das ihm wegen Beleidigung sechs Wochen Haft in Stadelheim einbrachte, allerdings unter vergleichsweise angenehmen Bedingungen.

Zu den vielen Facetten Thomas, die Lerchenberg nebenbei erwähnte, zählt auch, dass Thoma Dialekte liebte. Er konnte rheinisch-Kölsch und berlinerte gerne, wie etwa in dem Gedicht vom saufenden Staatsanwalt, der trotzdem Karriere macht: »Immer nur so durchjeschloffen – Die Staatsstütze«, von Lerchenberg mit sichtlichem Spaß makellos rezitiert.

Weniger spaßig war, was Lerchenberg zu Thomas Rolle im Ersten Weltkrieg zu erzählen wusste. Angefeuert von der allgemeinen Kriegsbegeisterung wurde aus dem einst linksliberal gesinnten Schriftsteller ein Nationalist, der als Sanitäter freiwillig an die Ostfront zog, nach seiner krankheitsbedingten Rückkehr 1915 politisch aber verstummte. In dieser Zeit entstand auch das vielleicht schönste Werk der bayerischen Literatur, wie Lerchenberg meinte, nämlich »Heilige Nacht«.

Zum Abschluss seiner Lesung wandte Lerchenberg einen geschickten Kunstgriff an: Er las abwechselnd aus Briefen vor, die Thoma seiner langjährigen Geliebten Maria »Maidi« Liebermann von Wahlendorf geschrieben hat, und aus Artikeln, die Thoma gegen Ende seines Lebens anonym im »Miesbacher Anzeiger« veröffentlicht hat. Ein Kontrast, wie er größer kaum sein konnte: Hier der verletzliche, sensible und liebevolle Schriftsteller, dort der Rabauke, der sich entschieden antisemitisch gibt, gegen die neuen Verhältnisse wettert und selbst vor Aufrufen zur Gewalt nicht zurückschreckt. Beiträge, die Thomas Ruf nachträglich schwer beschädigt haben, aber manchmal ist das (literarische) Werk eben größer als sein Schöpfer.

Musikalisch begleitet wurde Michael Lerchenberg von Marlene Eberwein und deren drei Mitmusikanten, die mit flotten Weisen, einem Mix aus traditioneller bayerischer Volksmusik, Klezmer, Tango und Jazz, die Lesung ansprechend untermalten. Wolfgang Schweiger