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Verborgene Botschaften und große Exegese auf Herrenchiemsee

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Leben den originären Geist der Kammermusik: Franziska Hölscher und Martin Klett spielten beim zweiten »Insel-Konzert« der Saison auf Herrenchiemsee. (Foto: Frei)

Es ist kein gutes Jahr für die Herreninsel. Bei den Festspielen Herrenchiemsee muss der unerwartete Tod von Enoch zu Guttenberg verkraftet werden. Für die »Insel-Konzerte« im alten Augustiner-Chorherrenstift könnte es hingegen das letzte Jahr sein. Mit 75 Jahren ist von Leiterin Claudia Trübsbach schlicht nicht zu erwarten, dass sie die traditionsreiche Kammer-Reihe im schmucken Bibliothekssaal weiterhin ganz alleine stemmt.


Schon allein organisatorisch ist das ein gewaltiger Kraftakt. Leider konnte bislang selbst in diesem Bereich keine Entlastung gefunden werden. Für das Klassik-Leben in der Region wäre der Verlust dieser Reihe fraglos ein herber Schlag, denn: Bis weit über München hinaus hat sich das erstklassige Renommee der »Insel-Konzerte« auf Herrenchiemsee längst herumgesprochen.

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Hier wurde Musikern ein Podium gegeben, lange bevor sie in der Klassikwelt richtig durchgestartet waren. Zu diesen »Entdeckungen« zählen der Bratscher Nils Mönkemeyer, der Pianist William Youn oder das Quatuor Ardeo aus Frankreich. Auch beim zweiten »Insel-Konzert« der aktuellen Saison wurde das hochkarätige Profil der Reihe unterstrichen. Mit der Geigerin Franziska Hölscher und Martin Klett am Klavier präsentierte sich ein Duo, das den originären Geist der Kammermusik lebte.

Sie hörten und achteten aufeinander, spielten sich musikalisch die Bälle zu. Aus dieser Haltung konnte stets eine gemeinsame Sprache erwachsen: absolut homogen in der Artikulation und Phrasierung. Gerade davon profitierte die Violinsonate in G-Dur von Maurice Ravel ganz besonders. Die Gestaltungen von Hölscher und Klett machten beispielhaft deutlich, wie sehr dieses 1927 uraufgeführte Werk zwischen impressionistischem Kolorit und Jazz-Einflüssen wechselt.

Für Ravel selbst war der als »Blues« bezeichnete Mittelsatz »französisch«. Bei einer Konzertreise 1928 in die USA nannte er diesen Satz einen »echten Ravel«. Hölscher, auch bekannt von Projekten mit dem verstorbenen TV-Autor Roger Willemsen, sowie Klett haben es geschafft, diesen vermeintlichen Widerspruch aufzulösen. Sie haben nicht nur einfach die Rhythmik jazzig geschärft, sondern zugleich eine unerhörte Klangsinnlichkeit freigelegt.

Ein musikalisches Feuerwerk war das Ergebnis, ohne mit hohlen Effekten zu überwältigen. Selbst in mitreißender, energiegeladener Verve wirkte jedes Detail nobel ausschattiert. Umso konsequenter und in sich geschlossener wirkten ihre Gestaltungen auch in der Interpretation des Gehalts. Genau dies offenbarte sich wiederum vor allem in den Violinsonaten A-Dur D 574 von Franz Schubert sowie op. 121 von Robert Schumann.

Aus dem fragilen Lied ohne Worte gleich zu Beginn der Schubert-Sonate von 1817 machten Hölscher und Klett hörbar, wie sehr hier bereits der Wanderer aus den Liederzyklen »Die schöne Müllerin« oder »Die Winterreise« herüberwinkt. Ein geradezu existenzielles Bekenntnis wurde hingegen Schumanns Violinsonate. Das Werk ist im Herbst 1851 entstanden, als Schumann bereits an den Folgen einer schweren Nervenkrankheit litt.

Trotzdem ist die Sonate keineswegs das »schräge Werk eines Verrückten«, wie oftmals behauptet wurde. Ganz im Gegenteil: In der intensiven und zugleich feinsinnigen Deutung von Hölscher und Klett wurde deutlich, wie genial Form und Gehalt zusammenwirken. Es sind mehr Zitate, die von Schumanns furchtbarer Not künden. Der Choral »Aus tiefer Not schrei ich zu dir« ist eine solche verborgene Botschaft. Ein begeistertes Publikum im gut besuchten Bibliotheksaal: Auch das zeigt, wie unverzichtbar die »Insel-Konzerte« sind. Marco Frei