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Das ist der aktuelle Projektstand der Grundlagenstudie Verbundintegration Berchtesgadener Land/Traunstein. Etwa die Hälfte der fünf »Arbeitspakete« ist abgewickelt. (Grafik: Landratsamt)

Verkehrsverbund Berchtesgadener Land/Traunstein macht Sinn

Berchtesgadener Land – Die beiden Landkreis Berchtesgadener Land und Traunstein arbeiten seit einiger Zeit daran, einen gemeinsamen Verkehrsverbund auf die Beine zu stellen. Der Landkreis Traunstein hat dazu eine Grundlagenstudie in Auftrag gegeben, an der sich das Berchtesgadener Land beteiligt. 30 Monate werde die Fertigstellung etwa dauern, erfuhr der Ausschuss für Umweltfragen, Energie, Landkreisentwicklung und Mobilität (AUELM) Berchtesgadener Land im April 2021. Knapp 20 Monate später erhielt der Ausschuss in seiner gestrigen Sitzung einen ersten Zwischenbericht.


2025 soll das gemeinsame Ticket auf dem Markt sein

Die Gutachter der beauftragten Unternehmen, Tarik Shah (»civity«) und Matthias Zöbisch (VCBD), stellten die bisherigen Ergebnisse vor. Unter anderem haben sie anhand der Verkehrszahlen im Großraum zwischen Rosenheim und Freilassing, Tirol und Salzburg nachgewiesen, dass ein Verkehrsverbund Berchtesgadener Land und Traunstein Sinn ergibt. Insgesamt haben sie etwa die Hälfte von fünf »Arbeitspaketen« erledigt (siehe Foto).

In den nächsten Wochen geht es ans Eingemachte: Was werden die Tickets für die Bürger kosten? Wenn alles klappt, könnte es im Mai 2023 eine Antwort darauf geben. Damit ist es aber nicht getan, denn Strukturen müssen aufgebaut und Mitarbeiter eingestellt werden. Anfang 2025 könnte der kreisübergreifende Verkehrsverbund »am Markt starten«, formulierte es Tarik Shah.

Von einem Verbund mit dem Land Salzburg, der grundsätzlich von der Kommunalpolitik gewünscht ist, riet der Gutachter ab. Landrat Bernhard Kern erinnerte in diesem Zusammenhang an bestehende Verbindungen zwischen Freilassing und Salzburg, ins Leben gerufen in der Ära von Altbürgermeister Josef Flatscher, betonte aber: »Der erste Schritt ist der Verbund BGL/TS. Wenn der auf soliden Beinen steht, kann es über die Grenze gehen.« Die Herausforderungen für so einen grenzüberschreitenden Verbund, für den es derzeit deutschlandweit kein Vorbild gibt, wären zu groß – aus juristischen, förderrechtlichen und strukturellen Gründen. »Es müssen auf bayerischer Seite erst einmal Strukturen aufgebaut und ein Ansprechpartner benannt werden, der auf Augenhöhe mit Salzburg verhandeln kann«, sagte Tarik Shah. Der Verkehrsmanager am Landratsamt Berchtesgadener Land, Johann Wick, stimmte zu und erklärte ergänzend: Es gebe derzeit zwar Vereinbarungen. aber man könne zum Beispiel die Tarife nicht mitgestalten.

Zum Hintergrund: Mit Bayerischer Eisenbahngesellschaft, Staat, Kommunen und privaten Unternehmen gibt es auf bayerischer Seite viele Beteiligte mit unterschiedlichen Interessen, wobei auf österreichischer Seite hierarchische Strukturen vorherrschen. Hier braucht es ein Pendant, das der künftige Verkehrsverbund BGL /TS sein könnte.

Nachdem grundsätzlich die Sinnhaftigkeit des Verbunds laut Gutachter nachgewiesen ist, wird aktuell die Frage der Wirtschaftlichkeit geklärt. Dazu gehört die Entwicklung eines Tarifsystems, des Vertriebs und der Organisation: Wie teuer wird ein Ticket, wo oder wie wird es verkauft, wer wird Gesellschafter des Verbunds, wer trägt die Verantwortung und hat die Entscheidungsgewalt? Wieviel Personal ist notwendig? Die Fragestellungen gehören zum Arbeitspaket 4. Prognosen über die künftigen Fahrgastzahlen, Kosten und Finanzierung stehen noch aus, da dies letztlich von der Tarifsystematik abhängt.

Gelegenheitsfahrende im Blick behalten

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge blicken die Gutachter dabei auf das angekündigte Deutschland-Ticket für 49 Euro. Dieses mache ihnen die Berechnungen nicht leichter, zumal sich Bund und Länder derzeit noch um die Finanzierung streiten. Andererseits kann das Deutschland-Ticket auf jeden Fall einkalkuliert werden, denn »es wird eine Rolle spielen«, sagte Shah. Unangenehmer wäre es gewesen, man hätte im vergangenen Jahr schon ein Modell entwickelt, welches angesichts dieser Entwicklung hinfällig geworden wäre.

So aber bieten sich Chancen, gleichwohl eine Grundsatzentscheidung getroffen werde müsse: Will man einen höheren Preis für regionale Abo- oder Flatkarten, um die Verbund-Nutzer zum Deutschlandticket zu bringen, oder will man umgekehrt günstiger bleiben, um eigene Einnahmen zu generieren?

Im Blick müssen auf jeden Fall die sogenannten »Gelegenheitsfahrenden« bleiben, also Menschen, die den ÖPNV nicht so regelmäßig nutzen, dass sich eine Monatskarte lohnt. »Es wird immer Leute geben, die nicht viel fahren, und das ist ein nicht unerheblicher Teil im Landkreis«, erklärte Shah den Kreisräten des Berchtesgadener Lands.

»Aufgabe wird es sein, nicht nur einen Tarif zu entwickeln«, stimmte der Leiter der Stabstelle Landkreisentwicklung am Landratsamt und Klimamanager Manuel Münch zu.

Nach einer Aussprache mit Nachfragen zu Details nahm der Ausschuss den Zwischenbericht zustimmend zur Kenntnis. Einhellig und parteiübergreifend signalisierten die Kreisräte somit den Willen, den eingeschlagenen Weg mit Ziel Verkehrsverbund Berchtesgadener Land und Traunstein weiter zu gehen.

Parallel dazu haben beide Landkreise, wie berichtet, beschlossen, vereinzelte Buslinien auszubauen.

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