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Verrockte Kammermusik in verrücktem Klang

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Schall und Rauch: »The Bassmonsters« (von links nach rechts: Philipp Stubenrauch, Ricardo Jorge Vaz Tapadinhas, Claus Freudenstein und Lisa De Boos) spielten das k1-Studio heiß und eröffneten ungeahnte Möglichkeiten an vier Kontrabässen. (Foto: Benekam)

Was gibt es schöneres als einen Kontrabass?«, mag sich der gebürtige Altöttinger Kontrabass Virtuose und Arrangeur Claus Freudenstein gedacht haben. Ganz einfach: vier Kontrabässe.


Das ergibt ein Kontrabass-Quartett, welches losgelöst aus allen Zwängen, Auflagen, Beschneidungen und herausgelöst aus dem oft schnöden Orchesteralltag, in dem ja doch nur der Dirigent den Ton angibt, die Chance der musikalischen Emanzipation eines oft »nur« begleitenden Instruments erfährt. Raus aus der Mainstream-Ecke und hinein ins improvisatorisch-experimentelle Vergnügen. Mit uneingeschränkter Schaffenskraft macht Claus Freudenstein sich zusammen mit den gleichgesinnten Spitzenbassisten Lisa De Boos (Belgien), Philipp Stubenrauch und Ricardo Jorge Vaz Tapadinhas (Portugal) auf die Suche nach mehr und erzeugte im gut besuchten k1-Studio in Traunreut »deep vibrations«.

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Das von Freudenstein genau zu diesem Zweck gegründete Ensemble »The Bassmonsters« punktet auch damit, dass immer wechselnde internationale Bassvirtuosen hinzukommen, die sich gegenseitig mit immer neuen und spannenden Einflüssen inspirieren. Mit der Komposition »Bassmonsters«, welche der berühmte spanische Kontrabassist Simon Garcia eigens für das Ensemble arrangiert hat, startete das Konzert und gab sogleich die Richtung vor: »verrockte« Kammermusik in verrücktem Klang. Die Besucher hörten aufregende Musik, im ersten Moment schwer einzuordnen – irgendwie bekannt, aber in ihrem Arrangement doch anders.

Mal meint man aus den Läufen Mike Oldfield heraus zuhören, dann wieder Metallica und das passagenweise durchzogen mit charakteristischen kammermusikalischen Elementen. Klassik trifft auf Rock und synergiert prächtig. Die zweite Nummer war dann wirklich von Metallica, »Creeping death« und nicht weniger aufregend im Klang. Der Grundrhythmus erinnerte an eine rasant dahin galloppierende Herde Wildpferde – dramatisch, fast bedrohlich, aber doch atemberaubend schön. Ein Stakkato von Sechzehntel-Noten berauschte im folgenden Arrangement Freudensteins »Parallel univers« (red hot chili peppers) die mitgerissenen Zuhörer im Studio, auch durch die perkussiven Einlagen auf dem Corpus der Kontrabässe.

Nach diesen ersten beiden intensiven Nummern verließ Freudenstein zum scheinbaren Erstaunen seiner Musikerkollegen die Bühne – ohne Bass, dafür mit Mikro. Aus dem Off war dann aber bald schon seine Stimme in schaurigem Klang zu hören: Mit dem einleitenden Text zu Michael Jacksons »Thriller«, in dazu passendem Rhythmus seiner Basskollegen unterlegt, schlich er zu seinem Instrument zurück.

Hypnotisiert und ganz im Rhythmus gefangen gab sich das gesamte Studio den Klängen hin. Der aufsteigende Nebel, der die Musiker effektvoll einhüllte, hätte genauso gut von der Überhitzung der Saiten ihrer Bässe herrühren können und lieferte die passende dramaturgische Note zur hervorragenden Musik. Die Tänzer waren in dieser besonderen Thriller-Fassung die Kontrabässe selbst, welche von ihren Spielern virtuos geführt wurden.

Weiter ging es mit »Don’t stop me now« (Queen), das sich in Melodie und Rhythmus dank Mercurys oktavenreicher Stimme als absolut basskompatibel herausstellte. Von ganz tief unten und – wie kaum einer vermuten sollte – bis ganz hoch hinauf zieht sich der Tonumfang der führenden »Stimme«. Das Klavier hatte Freudenstein, der immer wieder humorvoll durchs Programm moderierte, wie er erklärte, schlicht auf drei Kontrabässe aufgeteilt. Kurz vor der Pause gaben die »Fantastischen Vier« noch eine Kostprobe ihrer Balladentauglichkeit: »La belle Dame sans regrets« von Sting vereint ein wenig französisches Chanson mit Jazzelementen, ist also eine coole Mischung aus Easy Living und Laissez-faire im hörenswerten Kontrabass-Arrangement.

Auch »nothing else matters« von Metallica, mit dem die Gäste nach der Pause begrüßt wurden, begeisterte, wie auch im Anschluss »Hotel California« von den Eagles oder Michael Jacksons Smooth Criminal. Die vier Musiker boten mit ihren Kontrabässen eine fast schon bewusstseinserweiternde Musikdemonstration in verblüffender Präzision. Leidenschaft und Ideenreichtum, gemeinsames Ausprobieren und Ausloten der Möglichkeiten, die dieses offenbar ausgesprochen vielseitig bespielbare Instrument in sich birgt: Die vier Saiten wurden gezupft, gestrichen, geschlagen und schlagend gestrichen. Manchmal wunderte man sich, woher die Töne kamen. Für den Zuhörer war dies eine selten erlebte Attraktion, die Zeit und Raum vergessen ließ. Großer Applaus, Bravorufe und die Zugabe »Without you« von U2, die weitere Begeisterungsstürme im k1 auslöste. Kirsten Benekam

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