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Caritas und Ehrenamtliche kümmern sich um minderjährige Buben aus dem Nahen Osten

Verschnaufpause für Ershad, Reza & Co.

Bischofswiesen – »Very good«, antwortet Ershad auf die Frage »How are you?« Beim festen Händedruck strahlt der junge Afghane übers ganze Gesicht. Tatsächlich geht es dem so erwachsen wirkenden 16-Jährigen, der nach sechsmonatiger Flucht erst einmal im Stanggaßer Caritas-Altenheim »Felicitias« untergekommen ist, aber seelisch alles andere als gut. Das weiß Betreuerin Ute Lorenzl von der Caritas, die sich derzeit zusammen mit ehrenamtlichen Helfern um rund 13 Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien und dem Irak im Alter von 15 bis 17 Jahren kümmert.

Max Bundschuh, Werner Schuster und Hilde Karbacher (v.l.) unterrichten die jungen Flüchtlinge im Altbau der »Felicitas« regelmäßig in Deutsch. Die Jugendlichen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak durften allerdings nicht fotografiert werden. (Fotos: Kastner)
Regelmäßige Mahlzeiten in der »Felicitas« sollen den jugendlichen Flüchtlingen wieder etwas Halt geben.

»We like it here«, lässt ein junger Afghane den »Berchtesgadener Anzeiger« wissen und lässt freundliche Neugier an der Tätigkeit des Zeitungsmenschen erkennen. 13 Buben sind es an diesem Montag, die sich vor ihren Zimmertüren im Gang versammelt haben und sich untereinander ganz gut verständigen können. »Gestern sind vier gekommen, heute noch einmal zwei«, sagt Ute Lorenzl, die in der Clearingstelle momentan sehr viel zu regeln hat. Fast täglich bekommt sie Anrufe von der Polizei oder dem Jugendamt, die nach Aufgriffen jugendlicher Flüchtlinge zumeist auf der Autobahn oder im Zug Unterkünfte benötigen.

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»Wir wollen ihnen hier das Gefühl geben, dass sie willkommen sind. Sie brauchen Schutz und Sicherheit, sie müssen essen und schlafen«, sagt Ute Lorenzl. »Guten Appetit« ruft sie den Jugendlichen, die am Nebentisch während des Interviews ruhig ihr Mittagessen einnehmen, immer wieder zu. Schließlich sollen die Buben hier möglichst schnell Deutsch lernen, die wichtigste Voraussetzung für Integration. Ehrenamtliche Helfer wie Hilde Karbacher, Max Bundschuh und Gerhard Schuster leisten hier einen besonderen Beitrag.

Ute Lorenzl weiß um die oft haarsträubenden Schicksale der Jugendlichen, die teilweise seit zwei Jahren auf der Flucht sind. »Sie schlafen in Notunterkünften, im Wald oder unter Brücken. Teilweise sind sie mit Lkws unterwegs. Wenn sie aufgegriffen werden, können sie sich und ihre Kleider waschen, um dann nach ein paar Tagen weiter zu ziehen.«

So ähnlich ist es auch Ershad ergangen, der in Afghanistan als Hilfskraft für die NATO gearbeitet hat. Weil sein Vater im Land verschollen ist und er selbst von der Taliban bedroht wurde und für die Zeit nach dem Abzug der NATO mit dem Schlimmsten rechnen musste, hat er sich auf den Weg nach Deutschland gemacht. Eigentlich will er zu einem Freund, der in einem Asylbewerberheim in Schwäbisch-Gmünd untergebracht ist. »Ershad ist stark traumatisiert, er kann nicht richtig schlafen und geht oft nachts durch die Gänge«, erzählt Ute Lorenzl.

Einer der Ersten in der »Felicitas« war der junge Afghane Reza. Sein Vater ist ebenfalls verschollen und die Mutter hat wieder geheiratet. Reza wollte deshalb über Hamburg nach Norwegen. So war der höfliche und gebildete junge Mann eines morgens aus der »Felicitas« verschwunden. Doch es dauerte nicht lange, da kam ein Anruf aus der Münchner Bayernkaserne. Die Stadt München hatte Reza so erschreckt, dass er wieder zurück in die »Felicitas« wollte. Da ist er nun wieder unter der Obhut von Ute Lorenzl.

»Viele ziehen irgendwann einfach weiter. Man weiß nie, wie viele der Buben am nächsten Morgen noch da sein werden«, sagt Ure Lorenzl. Sie rechnet aber damit, dass die meisten schon die anvisierten drei Monate hierbleiben werden. In dieser Zeit sollen sie einigermaßen gut Deutsch lernen und psychiatrische Hilfe erhalten. Außerdem will man den Bildungsstand der jungen Flüchtlinge ermitteln, um sie später eventuell in eine Ausbildung zu vermitteln. »Bei uns können sie auch Kontakt zu ihren Angehörigen aufnehmen, die noch in der Heimat leben oder ebenfalls in Deutschland sind«, erklärt Ute Lorenzl. Just in diesem Moment bittet sie einer der Buben um das Handy, das die Caritas-Mitarbeiterin gerne hergibt. Oft glückt durch solche Kontaktaufnahmen die Familienzusammenführung in Deutschland oder in anderen europäischen Ländern.

Für sehr wichtig hält es Ute Lorenzl, dass die Buben hier integriert werden, dass sie die Bräuche und Besonderheiten der Region kennenlernen. Leider hatte sich bis Montag kein Kramperl breiterklärt, den jungen Flüchtlingen den Sinn dieser sonderbaren Verkleidung zu erläutern. Auf jeden Fall aber sollen den Buben die Hintergründe des bald beginnenden Christkindlschießens erläutert werden. Darüber hinaus gehen die Buben zweimal wöchentlich zum Fußballspielen. Lernbereit sind sie jedenfalls alle, schließlich sind sie durchwegs gut gebildet, stammen aus der oberen Mittelschicht.

Ute Lorenzl rechnet damit, dass die Unterkunft in der »Felicitas« schon bald mit 20 Jugendlichen besetzt sein wird. Um sie umfassend betreuen zu können, sucht man freiwillige Deutschlehrer oder eine Art Pflegefamilien, die sich um die Jugendlichen kümmern und mit ihnen etwas unternehmen. Auch die Schulen könnten mit Tutoren-Initiativen wertvolle Dienste leisten. »Es wäre so wichtig, dass die Buben auch mit Gleichaltrigen zusammenkommen«, erklärt die Caritas-Mitarbeiterin. Als Ansprechpartnerin steht Ute Lorenzl unter Telefon 0175/2975511 zur Verfügung.

Ziel ist es, die jungen Flüchtlinge nach etwa drei Monaten an deutsche Jugendeinrichtungen weiterzuleiten. Womöglich können sie von dort aus bei entsprechendem Bildungsstand sogar eine Lehre oder zumindest ein Praktikum antreten. Manchmal geht aber auch alles ganz schnell und unkompliziert. So hat dieser Tage ein junger Flüchtling von der »Felicitas« aus mit seinem Bruder Kontakt aufgenommen, der bereits die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Der kam unverzüglich von weit her in die Stanggaß, um seinen kleinen Bruder abzuholen. Wenigstens für ihn ist nun eine lange Reise zu Ende. Ulli Kastner