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Verstörende Bilder, die viele Fragen aufwerfen

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Die Rolle der Frau wird in der Ausstellung »random oriental« von Adidal Abou-Chamat auf vielfältige Weise thematisiert, sei es durch die verschleierte Waschmaschine oder die Frau mit den vielen Brustwarzen. (Fotos: Giesen)
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Wer bin ich? Wohin gehöre ich? Auf welcher Seite stehe ich? Warum? Was hat mich zu dem gemacht, was ich bin? Solche und ähnliche Fragen über die Identität des Menschen in den heutigen, politisch und gesellschaftlich so schwierigen Zeiten wirft die deutsch-syrische Künstlerin Adidal Abou-Chamat in der neuen Ausstellung »random oriental« in der Städtischen Galerie Traunstein auf. Dabei thematisiert sie vielfach die Konflikte im Nahen Osten, Selbstmordattentate, Gewalt. Mit oft verstörenden Bildern auf Fotografien, Zeichnungen und in Videos berührt sie den Betrachter, lässt ihn unwillkürlich Fragen stellen – auch an sich selbst.


Im Mittelpunkt der Ausstellung steht bei Adidal Abou-Chamat der menschliche Körper. Er ist Ausdrucksträger und Projektionsfläche, wo sich der Kampf um kulturelle und individuelle Selbstbestimmung, um Heimat und Fremde, Prägung, Freiheit und Unterwerfung abspielt. In zwei Serien, die die 1957 in München geborene Künstlerin für Traunstein ausgesucht hat, gibt es Beispiele, wo Bilder und Zeichen direkt in die Haut eingeschrie-ben sind, also dauerhafter Bestandteil des Körpers geworden sind.

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Da ist die Landkarte der arabischen Halbinsel eintätowiert auf einem weiblichen Rücken. Das Wort »Prägung« bekommt den bitteren Beigeschmack von Gewalt und Inbesitznahme, wo es um die Lebenswirklichkeit arabischer Frauen geht. Die eingebrannten Konturen von Palästina, Israel und den palästinensischen Enklaven Westjordanland, Gazastreifen und Golanhöhen sind eindringliches Zeichen für den fast 100 Jahre währenden Konflikt. Die Haut ist Träger eines traumatisierten Heimatbildes, das die Menschen regelrecht abstempelt.

Makaber, mit blauem Filzstift gestrichelt, ist »Final Cut« aus der dreiteiligen C-Print-Serie »Stills«: vor blauem Hintergrund zeigt das Bild einen breitschultrigen jungen Mann mit nacktem Oberkörper. Es erinnert an ein erkennungsdienstlich erstelltes Polizeifoto und unterstellt damit eine Biografie im Gewaltkontext. Neben den beiden Oberarmtatoos ist die Aufforderung »cut here« unterhalb des athletischen Halses als Soll-Schnittstelle markiert: Neben den beiden Oberarmtatoos ist mit der Aufforde-rung »cut here« unterhalb des athletischen Halses die mit Angst besetzte Erwartung akuter Gefahr thematisiert, angesichts der vielfachen Ermordung von Geiseln im radikalisierten Umfeld.

Eingebrannt – diesmal aber in Schweinehaut – sind die »Revolutionary icons« – zehn vertraut wirkende Männer- und Frauenporträts verschiedener bewunderterer Größen der linksrevolutionär gestimmten 68er Jahre, angefangen von Andreas Baader, bis Che Guevara, Lenin, Rosa Luxemburg bis zu Ho Tshe Minh. In ihrer beliebigen Auswahl thematisiert die Künstlerin die Inhaltsleere und Markthörigkeit des Westen, wo sich der alles dominierende Markt fast jeden Inhalt einverleibt und zum oberflächlichen, modischen Label auf Tassen, T-Shirts oder Tatoos degradiert.

Dieser Prägung auf der einen Seite steht im Werk von Adidal Abou-Chamat das Motiv des dringenden Wunsches einerseits und der Unmöglichkeit andererseits, »in eine andere Haut«, eine andere Identität zu schlüpfen. In der großformatigen Fotografie »Skin deep« aus der Serie »Shifting lines« wird eine schwarze Frau gezeigt, die sich mit einer Schwur- oder Büßergeste mit der linken Hand ans Schlüsselbein greift. Über diese Hand ist ein heller Latexhandschuh gestreift, der im Kontrast zur natürlichen Hautfarbe der Frau eine weiße Haut simuliert. Die Künstlerin stellt die Frage nach der kulturellen Ebenbürtigkeit verschiedener Hautfarben und ethnischer Zugehörigkeiten. Sie reflektiert das Wagnis der eigenen unabhängigen Selbstbestimmung: Klar wird, dass kaum einer wirklich zwischen den eigenen und den von außen an ihn herangetragenen Forderungen unterscheiden kann. »Ich möchte so sein, wie ihr mich seht« lautet denn auch das resignative Fazit zur Serie mit kleinen Zeichnungen »Shifting lines« im Gang des ersten Stockes.

Immer wieder wird die Rolle der Frau in der arabischen Welt thematisiert, sei es die schwarz verschleierte Frau mit nackter, um viele Latex-Brustwarzen erweiterte Brust oder die lieblich verschleierte Waschmaschine mit der verführerisch offenen, dunklen Öffnung… Bestehende Wertesysteme, Bildklischees und Bedeutungshierarchien werden unterlaufen. Wir erleben Zerrbilder, die mit den Mitteln subversiver Überspitzung arbeiten, und den Betrachter so mehr von der Wirklichkeit erkennen lassen, wie es Judith Bader, die Leiterin der Städtischen Galerie, in ihrer Einführungsrede ausdrückte.

Neben der Prägung des Körpers und seiner Veränderung oder Umformung geht es im Werk Adidal Abou-Chamts auch um die symbol- oder bedeutungsträchtige Funktion der Kleidung. Beispiel dafür ist das Video »Verwicklung«: eine künstlerische Versuchsanordnung zum Thema Kopftuch, verbunden mit einer spielerischen Dekonstruktion weiblicher Rollenbilder. Immer dieselbe Frau führt vor laufender Kamera vor, wie mit demsel-ben Tuch durch unterschiedliche Wickelvarianten völlig unterschiedliche Bilder von Weiblichkeit und ihrer Rolle entstehen: modischer Turban, flippiges Stirnband, Augenbinde, die von vielen Fotos bekannte Art der englischen Queen oder Grace Kelly, Kopftuch zu tragen, aber auch Vermummung bis zum Gesichtsschleier.

Bei der Vernissage der Ausstellung, die Oberbürgermeister Christian Kegel eröffnete, waren die Besucher offensichtlich persönlich ergriffen von den Bildern, sodass sich viele Diskussionen und Gespräche ergaben.

Der Besucher sollte genügend Zeit einplanen, um sich möglichst auch die einmal 19- und einmal 27-minütigen Videofilme ansehen zu können. Die Präsentation ist auch für die älteren Semester von Schulklassen hervorragend geeignet, sich anhand von künstleri-scher Gestaltung mit der Problematik von politischem Umfeld auf die eigene Identität auseinander zu setzen.

Die Ausstellung »random oriental« ist bis zum 19. April mittwochs bis freitags von 15 bis 18 Uhr sowie am Samstag und Sonntag von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Führungen von Gruppen sind nach Absprache jederzeit möglich, Telefon 0861/164319. Christiane Giesen

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