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Viel beschäftigte Passionisten

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Manchmal drohte Philippe Herreweghe bei der Johannes-Passion in Salzburg mit seiner dramatischen Eile übers Ziel hinauszuschießen. (Foto: Matthias Creutziger)

Was ist Flexibilität? Zum Beispiel, wenn ein Spezialist für Alte Musik Bachs Johannes-Passion an einem Abend mit der Sächsischen Staatskapelle Dresden aufführt und gleich am darauffolgenden mit seinem eigenen Orchester, auf Originalinstrumenten.


Vom 70-jährigen Philippe Herreweghe reden wir, der das »Konzert für Salzburg« bei den Osterfestspielen dirigierte. Am Tag darauf stand für ihn die Johannes-Passion im Congress Innsbruck auf dem Programm. Zur gleichen Stunde übertrug der ORF den Mitschnitt einer Aufführung, aufgenommen Mitte Februar in Dresden.

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Vor sechs Wochen also hat Herreweghe die Staatskapelle instruiert. Warum wir das hier ausbreiten? Weil es vielleicht mit erklärt, warum die Aufführung im Großen Festspielhaus trotz aller stilkundlichen Informiertheit und der aller Bewunderung würdigen Perfektion seltsam distanziert wirkte. Ja, eine wirklich schöne, runde Johannes-Passion. Höchstes Spezialistentum auf allen Linien, im Routinebetrieb. Musikalische Kulinarik mit Michelin-Sternen und Gault-Millau-Hauben. Berührt hat das wenig.

Ja freilich, an Eloquenz hat es dieser Aufführung nicht gefehlt. Zügig und bündig geht Herreweghe die Sache an, für die Bass-Arie »Himmel reisse, Erde bebe« gibt er ein Tempo vor, dass das Solocello geradezu draufgängerisch zupacken muss. Der Tenor kam in der Arie »Zerschmettert mich« auf ähnliche Weise in einen Schotterregen der Violinen, dass man sogar als Hörer in der 13. Reihe den Kopf eingezogen hat. Aber wenn dann Dorothee Mields aus den Chorreihen hervortritt (»Ich folge dir gleichfalls« und »Zerfließe, mein Herze«), ist ja gleich alles wieder gut.

Herreweghe hat Bachs Version von 1725 hören lassen, denn der Thomaskantor hat sein Leipziger Publikum nicht an zwei aufeinanderfolgenden Karfreitagen eine völlig identische Musik wollen hören lassen. So begann die Johannes-Passion diesmal also nicht mit dem vertrauten Choral »Herr, unser Herrscher«, sondern mit der Mahnung »O Mensch, bewein dein Sünde groß«. Und am Ende war nichts mit dem pietistischen »Ach Herr, laß dein lieb Engelein«, stattdessen stand das herbe »Christe, du Lamm Gottes«.

Maximilian Schmitt ist ein interessanter Evangelist, weil er in der mittleren und tieferen Lage baritonales Charisma einbringt. Günter Haumer war in Salzburg der sehr bestimmt und zielstrebig wirkende Christus. In den Arien: Dorothee Mields (Sopran), Damien Guillon (Countertenor), Robin Tritschler (Tenor) und Kresimir Strazanac (Bass).

Das 24-köpfige Collegium Vocale Gent setzt geforderte dynamische Werte zu hundertfünfzig Prozent um, an einem Pol die ultra-duftigen Choral-Einwürfe vor allem zu den Bass-Arien, am anderen Chöre wie »Wäre dieser nicht ein Übeltäter«, in dem der Volkszorn greifbar wird. Crescebdi nach oben, die lange als absolutes No-go in der historischen Aufführungspraxis galten, sind längst habilitiert, Herre- weghe setzt es oft sehr offensiv ein. Manchmal droht er mit seiner dramatischen Eile übers Ziel hinauszuschießen. Würde das Collegium Cocale das »Lasset ihn den nicht zerteilen« nicht mit solch atemberaubender Brillanz umsetzen, müsste man von fahrlässiger Tempobolzerei sprechen. Reinhard Kriechbaum

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