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Vielschichtige »Jazz-Oper« erfrischend neu belebt

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Foto: Komponist Max (Franz Supper) im Zwiegespräch mit seiner Freundin Anita ( Christiane Boesiger). (Foto: Christina Canaval)

Vielleicht erreicht die Vielschichtigkeit von Ernst Kreneks Oper »Jonny spielt auf« heute eher Herz und Verstand des Publikums als Ende der 20er Jahre: In der damaligen technikfanatischen Zeit blieb es vermutlich an den aufsehenerregenden Requisiten hängen, die der Komponist vorschrieb: Automobil, Telefon, Radio, Eisenbahn. Oder auch am geisterhaft auf einen nächtlichen Gletscher projizierten Gesicht des Regisseurs der Uraufführung 1927 in Leipzig, Walter Brügmann. Andreas Gergen näherte sich dem komplexen Werk in seiner Neuinszenierung am Salzburger Landestheater mit viel Fantasie und dem nötigen Spieltrieb, mit Witz und Feingefühl und ließ dessen Botschaften und der farbenreichen, turbulenten Musik viel Raum.


Die Handlung in Kürze: Der Komponist Max, die mit ihm befreundete Sängerin Anita und der afroamerikanische Jazz-Geiger Jonny geraten in einen Strudel zufälliger Begebenheiten, als plötzlich eine wertvolle Geige verschwindet. Eine wilde Jagd beginnt, bevor sich die Handlungsfäden in der am Ende Revue-ähnlichen Show zu einem Ganzen fügen.

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Worum es eigentlich geht, darauf hat wohl jeder Zuschauer seine eigene Antwort: Um die Spannung zwischen Natur und Zivilisation, zwischen Emotion und Verstand? Um den Kontrast zwischen dem auf einem Gletscher verzweifelt nach sich selber und entlegenen Tönen à la Schönberg suchenden Max und Jonny, der mit Frechheit und der Wärme seines Tons alle zum Tanzen bringt, hier von Nathan de’Shon Myers zauberhaft geschmeidig verkörpert? Oder aber um die damals ebenfalls neuartige tiefenpsychologische Analyse der Charaktere? Auf alle Fälle traf die Oper, bis sie von den Nazis als »entartet« verfemt wurde, den Zeitgeist und wurde zum Kult-Werk auch einer Künstler-Generation, die aus dem spätromantisch-expressionistischen »Treibhaus« (so Alex Ross im Programmheft) ausbrechen wollte.

Trotz der auf uns heute etwas spröde und überspannt wirkenden Musik und Handlung ließ man sich von der neuen Salzburger Inszenierung bereitwillig in Bann ziehen. Court Watson kreierte eine Bühne mit drei Tiefenebenen und jeder Menge Variationsmöglichkeiten: Den Hintergrund bildet eine von Kurt Schwitters inspirierte Collage über die gesamte Geschichte des Stücks und seine Aufführungschronik, zugleich eine akustische Wand, die den Klang des facettenreich instrumentierten Mozarteumsorchesters in den Zuschauerraum projizierte.

Da der Graben zu klein für 60 Musiker war, kam das von Adrian Kelly mit Verve dirigierte Orchester auf die Bühne, ein genialer Schachzug: Es wurde zum Jazzband-ähnlichen Mit-Akteur. Davor war die Ebene des Gletschers, dem sich Max über einen luftigen Steg näherte: Weiße, wallende Stoffbahnen leuchteten teils in schillernden in Blau- und Grüntönen, teils in unheimlichem, mystischem Dunkelrot. Ganz vorne befand sich Maxens Wohnung und Komponierstube, gekennzeichnet durch ein wie eine Raute gekipptes riesiges Notenblatt. Eine Menge witziger Einfälle trieben das Stück voran: Die symbolische Riesen-Kaffeetasse wurde zum Beispiel später zur Badewanne des Komponisten und samt Inhalt über eine versenkbare Bühne nach oben gefahren. Erfrischend waren spritzige Gruppen-Choreografien von Peter Breuer, die ihren Schluss- und Höhepunkt in einer Bahnhofs-Szene fanden, mit von Regina Schill zauberhaft eingekleideten Menschen. Ein Teil der Bühne drehte sich wie eine Schellack-Platte, die in Kreneks Originalpartitur eine wichtige Rolle spielte, und ließ immer wieder Akteure auf der Stelle treten.

Tenor Franz Supper gab einen glaubwürdigen und grandios gesungenen Max ab. Eindrucksvoll und skurril war – neben Max’ spiritistischer Sitzung am Gletscher – sein ungeduldiges Warten auf seine Anita nach deren Konzertreise: In köstlichem Kontrast standen das nüchterne Abzählen der genau ausgerechneten Minuten bis zu ihrem Eintreffen und die übersteigerten Gefühlsausbrüche – ein Kontrast mit doch ernstem Hintergrund, der zeitlos aktuell ist: Das komplexe Wesen Mensch scheint mit dem durch technische Innovationen immer schnelleren, von außen vorgegebenen Takt nicht so klar zu kommen. Als Max’ Freundin, die um seinen Gesundheitszustand besorgte Anita, die im Gegensatz zu Max die Gabe hat, in sich selbst zu ruhen und in der Hingabe an den Fluss des Lebens ihr Glück zu finden, beeindruckte eine auch als Charakter starke Christiane Boesiger. Pfiff und Temperament brachte Laura Nicorescu als mit Jonny verbandeltes Zimmermädchen auf die Bühne. Weitere Aufführungen sind am 9. und 14. Januar. Veronika Mergenthal

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