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Vierbeiner gut – Zweibeiner schlecht

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Machen sich die Tiere als Machthaber besser als die Menschen? (Foto: Anna-Maria Löffelberger/Landestheater)

»Alle Tiere sind gleich, aber manche Tiere sind gleicher«. Mit diesem Zitat aus George Orwells dystopischer Fabel »Farm der Tiere« trifft der Schriftsteller in seiner Aufarbeitung der Thematik Unterdrückung und Revolution mitten ins Schwarze.


Was unterscheidet den Menschen vom Tier? Wieso wird der Unterdrückte selbst zum Unterdrücker und wieso wird, wer Gewalt sät, Sturm ernten? In der Premiere »Farm der Tiere« nach George Orwell des Salzburger Landestheaters hielt das »tierische« Schauspielensemble (Elisa Afie Agbaglah, Sabrina Amali, Britta Bayer, Gero Nievelstein, Gregor Schulz, und Gregor Weisgerber) in der Inszenierung von Oliver Wronka seinem »menschlichen« Publikum in den Kammerspielen den Spiegel vor. Die wahrgenommene Spiegelung verwirrte: Who is who? Sind wirklich alle Tiere gleich? Sind alle gleich, dann sollten für alle auch die gleichen Rechte und Pflichten gelten.

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Aufschrei gegen Unterdrückung

Orwells, im Jahr 1945 geschriebene, Parabel ruft im übertragenen Sinn – und zwar unabhängig von Zeit, Ort, kulturellem Umfeld oder Geschlecht zum Aufschrei gegen jedwede Unterdrückung durch totalitäre Systeme auf. Eine starke Wirkung erzielte die Inszenierung vor allem durch ihr offenes, publikumsnahes Spiel, welches in einigen Szenen sogar das Publikum selbst zu revolutionären Akteuren machte: Nicht gesehen, sondern gespürt, nicht gehört, sondern gesprochen und sogar mitgesungen, fühlte sich das Premierenpublikum als Teil der Geschichte und war so mitten drin und voll dabei.

Ort der Handlung ist eine Farm in England. Unter der Herrschaft eines alkoholkranken Landwirts fristen seine Tiere ein bemitleidenswertes Dasein. Sie werden ausgebeutet, schlecht behandelt, müssen schuften und bekommen zum Dank nicht einmal ihr wohlverdientes Futter. Videoprojektionen an der gesamten Bühnenrückwand zeigen grauenvolle Szenen aus Massentierhaltung und rohe Gewalt gegen wehrlose Geschöpfe. Die Schauspieler tragen einfach gehaltene Tiermasken aus Papier. Alle tragen dasselbe cremefarbene Kostüm (Bühnenausstattung und Kostüme sehr geschmackvoll von Nina Wronka), scheinen rein äußerlich gleich. So treten sie ins Publikum, verteilen sich, sprengen die Grenze zwischen Bühne und Saal und rufen zur Revolution auf. Es werden Handzettel im Publikum verteilt, auf denen der Text steht, den bald der gesamte Saal mitsingt.

Gruppenzwang oder Herdentrieb?

Manipulativer Gruppenzwang oder Herdentrieb? Egal, es funktioniert. Jedenfalls üben die Tiere den Schulterschluss, werben Gleichgesinnte als Genossen und planen den Aufstand. Nachdem der böse Bauer entmachtet und samt seiner miesen zweibeinigen Knechtschaft vertrieben war, werden von den schlausten unter den Tieren – den Schweinen – neue Regeln aufgestellt und durchgesetzt. Das neugeborene Kind der Revolution erhält den Namen Animalismus und beinhaltet sieben Gebote. Bildung und Wissen sollen Schlüssel zur freien Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit sein. Die Farmarbeit soll von den Tieren selbst übernommen werden. Mit einer Verbrennungszeremonie entledigt man sich der einstigen Geißelung durch Peitschen oder Zaumzeug und untermauert den Hass gegenüber dem zum Feind erklärten Menschen.

Über Videoprojektion sind nun wild gewordene, aggressive Tiere zu sehen, die den Spieß umgedreht haben und Menschen attackieren. Aber bald schon wird deutlich, dass es mehr als schwierig ist, die selbst aufgestellten Gebote einzuhalten. Es kommt zu ersten Konflikten. Unzufriedenheitsbekundungen werden laut, es werden Gebote gebrochen und die Vergehen hart bestraft. Einige Tiere fragen sich, ob die diktatorische Herrschaft der Schweine nicht sogar noch ärger ist als das einstige Regime des Bauern. Zudem suchen sich die neuen Machthaber zunehmend »Mittäter«, transportieren ihr Gedankengut längst über den eigenen Hof hinaus und hinweg über die Grenzen der Ortschaften und Länder. Es herrscht Krieg gegen die Zweibeiner: »Nur ein toter Mensch ist ein guter Mensch«.

Revolution in der Revolution

Als der Anführer des Regimes, ein Schwein mit Namen Napoleon, die ersten Gegenstimmen vernimmt, schafft er die demokratischen Debatten ab. »Was man mit Gewalt gewinnt, kann man nur mit Gewalt erhalten«, stellen die wiederum unterdrückten Kreaturen resigniert fest und suchen abermals nach Auswegen. »Besser blind sein, als nicht sehen wollen«. Es kommt zur Revolution in der Revolution: Erpresste Konformität, der Druck zur Gleichmacherei lässt Opfer zu Tätern werden und schließlich in der Folge ein weiteres, diesmal tierisches, totalitäres System entstehen.

Als der »besiegte« Bauer zum Schluss zurückkehrt, seine Farm zurückerobert und dabei das neu geschaffene Werk der Tiere zerstört, stellt sich die Frage: Was ist Freiheit? Ein Hirngespinst? Sind wirklich alle gleich? Und wer ist »gleicher«? Mensch oder Tier? Muslim oder Christ? Attentäter oder Opfer. Oliver Wronkas Inszenierung der »Farm der Tiere« schafft es mit einfachen Mitteln, Orwells Aufschrei nach Auflehnung gegen Unterdrückung und Gleichmacherei nachzukommen. Sehr wirkungsvoll war die präzise Körperarbeit, die die einzelnen Charaktere der Tierfiguren klar zum Ausdruck brachten, schnelle Übergänge, trotz Masken gut artikulierte Sprache und an den richtigen Stellen platzierte Denk- und Verschnaufpausen für den Zuschauer.

Die grauenvollen Videoprojektionen gingen – und das war auch so gewollt – an die Schmerzgrenze, verstärkten aber gerade dadurch immer wieder die Botschaft von Orwells Parabel und blieben vermutlich in mahnender Erinnerung in den Köpfen des Publikums haften. Die Kunst soll aufrütteln und Diktatur ist eben kein Ponyhof. Das gesamte Ensemble fesselte das Premierenpublikum mit überzeugender Darstellungskraft.

Das Wechseln der Masken, Schweine, Hennen oder Kühe und sogar die der dargestellten Hauptfiguren – so waren einige Hauptfiguren innerhalb des Stücks mehrfach besetzt – wirkte aber auf den Zuschauer verwirrend und unterbrach in manchen Szenen den Handlungsfaden. Orwells Aussage damit noch zu unterstreichen, gelang nicht. Nach lang anhaltendem Applaus blickte man beim Verlassen des Theaters in nachdenkliche Gesichter. Die Denkanstöße entfalteten offenbar schnelle Wirkung.

Weitere Aufführungstermine sind am heutigen Dienstag sowie am 5. Februar. außerdem stehen mehrere Schulvorstellungen auf dem Programm. Kirsten Benekam