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Vierhändigen Klavierspiel und argentinisches Temperament

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Sie kamen, spielten und begeisterten. Die Protagonisten von Nannette-Christine Goletzkos Reihe »Wir machen Musik – Klassik in Ruhpolding« boten dem Publikum im Gemeindesaal der evangelischen Kirche in Ruhpolding auch heuer wieder ein wunderschönes musikalisches Erlebnis.


Im Fokus stand dieses Mal das mehrhändige Klavierspiel. Gleich zu Beginn flogen mit Nannette-Christine Goletzko, Rainer Browarzyk und dem argentinischen Pianisten Maximiliano Bertea sechs Hände über das Klavier und erfüllten den Raum mit den verspielt-fröhlichen Klängen aus dem Stück »Gavotta« von Cornelius Gurlitt, einem deutschen Komponisten, dessen Pianokompositionen bis heute die Lehrwerke für Klavieranfänger prägen. Wenig später ließen die drei Musiker den technisch anspruchsvollen Bolero, ein dynamisches und temporeiches Orchesterstück von J. L. Streabogg folgen, und demonstrierten dabei eindrucksvoll, welchen Zauber sechs Hände entfachen können.

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Dann wurde es gefühlvoll: Christiane Seefried an der Violine und Nannette-Christine Goletzko am Klavier gewährten einen Einblick in Georg Friedrich Händels Largo aus der Oper »Xerxes«. Wunderschöne, lang gezogene, sentimentale Violinklänge, begleitet von weichen Klaviertönen, in einer sinnlichen Melodie vereint, schufen im Gemeindesaal eine bewegende Atmosphäre, ähnlich der eines Trauerliedes, bei dem Abschied genommen wird, dennoch wunderschön und ergreifend zugleich. Wenig später fand das Zusammenspiel Goletzkos und Seefrieds mit der Sonate G-Dur, KV 301 (293 a), dem Allegro con spirito von Wolfgang Amadeus Mozart eine weitere Fortsetzung. Und es sollte nicht die letzte Darbietung der beiden Damen sein, die während ihrer Performance ganz in ihre eigene Welt vertieft waren und diesen Fokus über bedächtige und doch konzentrierte Bewegungen wahrnehmen ließen.

Karin und Felix Beer setzten die musikalische Reise gemeinsam mit Nannette-Christine Goletzko mit dem Pastorale - Allegro, aus dem Stück »Trio Sonata« in A-Dur fort. Darin wiesen Karin Beer an der Querflöte und Felix Beer am Englischhorn wieder die Richtung in heitere Tonwelten und brillierten dabei mit einem harmonischen Zusammenspiel zu den Klavierklängen Goletzkos. Wenig später griff das Ehepaar Beer ein weiteres Stück aus seinem breit gefächerten musikalischem Repertoire heraus und gab Nachtstücke für Englisch und Klavier op. 23/2 zum besten, wobei Karin Beer dieses Mal den pianistischen Teil übernahm und ihren Mann am Englischhorn begleitete. Nach einer kurzen Pause zur Halbzeit nahmen Felix Beer an der Oboe und Karin Beer am Klavier den roten Faden wieder auf und spielten von Leland A. Cossart die Einleitung für Oboe und Klavier op. 23/1.

Dann war es Zeit für zwei Soli von Maximiliano Bertea, der dem Konzert zwei Klavierstücke aus seiner Heimat Argentinien beisteuerte. Zunächst begann Bertea mit dem Cantilena Nr. 1, »Sante Fe para Llorar« - »Tierra linda«, das zu den Werken des Komponisten Carlos Guastavino zählt, dessen romantischer Tonsprache Bertea in beeindruckender Manier Ausdruck verlieh. Einem träumerischen Einstieg über leise, sanfte, liebliche Klänge folgte im Zuge der weiteren Darbietung über ein Auf und Ab der Tonleiter ein ständiges Wechselspiel zu lauter werdenden, temperamentvollen Abschnitten, die zum Ende hin wieder in ruhigere Fahrwasser führten. Mit Astor Piazzollas »Retrato de Alfredo Gobbi«, »La muerte del angel« in einer Bearbeitung von Lucas Gordillo schlug der argentinische Vollblutmusiker dann eine neue Richtung ein und lenkte die Stimmung mehr in die dunkleren Tonwelten. In einem vom vielen Tempowechseln geprägten Stück dominierten dumpfe, dunkle Klänge; diese gaben jedoch auch den helleren, weichen und lieblichen Töne Raum sich zu entfalten, sodass sich im Zuge der Darbietung zunehmend eine Art Lounge-Atmosphäre abzeichnete.

Dem tosenden Applaus zufolge schien es, als habe das Konzert seinen Höhepunkt bereits erreicht. Den Schlusspunkt jedoch sollten zwei weibliche Protagonistinnen setzen – Nannette-Christine Goletzko und Christiane Seefried, die einmal mehr durch eine zauberhafte Kombination aus Klavier und Violine begeisterten. Glockenhelle Violinklänge wurden von herrlich klaren Klaviermelodien rhythmisch aufgefangen und erzeugten eine emotional ergreifende Stimmung, die vereinzelt von temporeicheren Abschnitten begleitet wurden. Es hatte den Anschein, als lausche man einer akustischen Traumwelt, jenseits des Hier und Jetzt, und doch in einer klaren Gegenwart, die, flankiert von leichtem Kerzenschein neben der hereinbrechenden Dunkelheit im Ruhpoldinger Tal, ein märchenhaftes Ende des jüngsten Konzertereignisses brachte.

Dann gab es kein Halten mehr. Der minutenlange Beifall demonstrierte aufs Schönste, wie der jüngste Meilenstein in der Geschichte von »Wir machen Musik – Klassik in Ruhpolding« beim Publikum angekommen war. Die Erfolgsgeschichte geht also weiter. Auch 2013. jsb