Vierter Prozesstag am Landgericht Traunstein – Als würden sie »ein Rennen fahren«

Gericht, Gerichtsurteil
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Foto: dpa

Traunstein – »Auffällig« kamen einer Zeugin drei Fahrzeuge an einer Kreuzung in Rosenheim vor. Sie sprach am vierten Tag im Prozess gegen einen 28-jährigen Riederinger vor der Ersten Strafkammer am Landgericht Traunstein von ihrem Eindruck, die Autolenker würden »ein Rennen fahren«. Die drei Wagen waren kurz darauf direkt oder indirekt an einem Verkehrsunfall in Rosenheim beteiligt, bei dem vor mehr als vier Jahren zwei junge Frauen (21 und 15 Jahre alt) starben und drei Personen schwere Verletzungen erlitten. Die Hauptverhandlung geht am heutigen Mittwoch weiter.


Ein inzwischen 27-jähriger Mann aus Kolbermoor mit seinem gleichaltrigen Mitfahrer in einem BMW sowie der Riederinger mit seinem 26-jährigen Beifahrer in einem zweiten BMW sollen auf der Miesbacher Straße stadtauswärts einen sie überholenden Golf-Fahrer am Einscheren zwischen den BMWs gehindert haben. Der Golf mit einem 28-jährigen Golf-Fahrer aus Ulm konnte einem entgegenkommenden Nissan Micra mit drei jungen Frauen aus Samerberg nicht mehr ausweichen. Nur eine der drei Insassinnen überlebte.

Zwei der damals beteiligten Fahrzeuglenker wurden bereits rechtskräftig verurteilt – der Golf-Fahrer zu 18 Monaten mit Bewährung, ein 27-jähriger BMW-Fahrer zu zwei Jahren fünf Monaten ohne Bewährung (wir berichteten).

Vor dem Amtsgericht Rosenheim und der Sechsten Traunsteiner Strafkammer kamen bereits viele der Zeugen zu Wort, die in der jetzigen Revisionsverhandlung gegen den 28-Jährigen auf Weisung des Bayerischen Obersten Landesgerichts erneut angehört werden.

Bei vielen sind die Erin-nerungen an den Horrorunfall am Abend des 20. November 2016 und an Geschehnisse am Rand, die zur Klärung beitragen könnten, schwächer geworden. Das zeigte sich vor allem, wenn Vorsitzende Richterin Heike Will den Zeugen frühere Angaben vor Polizei und Gericht vorhielt.

Der Angeklagte mit Verteidigerin Iris Stuff aus Köln äußerte sich am Dienstag nicht zu den Vorwürfen von Staatsanwalt Jan Salomon. In früheren Vernehmungen hatte der 28-Jährige – wie der zweite BMW-Fahrer – beteuert, der VW Golf hätte jederzeit Platz zum Einscheren gehabt.

Hauptverursacher stellte Vorfall anders dar

Der Hauptunfallverursacher hatte das stets anders geschildert, so zum Beispiel in einem Telefonat mit seiner Schwester unmittelbar nach dem Unfall. Die 35-Jährige hatte damals zunächst eine Ersthelferin am Handy, dann den selbst erheblich verletzten Bruder. Wie die Zeugin vor Gericht betonte, sagte der Bruder in jener Nacht mehrmals zu ihr: »Die Schweine haben mich nicht reingelassen.« Außerdem habe er davon gesprochen, »keine Luft zu bekommen« und blutende Wunden zu haben. Ein Sanitäter an der Unfallstelle bereitete dem Telefonat in jener Nacht ein Ende, so die 35-Jährige. Sie informierte damals sofort die inzwischen 56 Jahre alte Mutter, erzählte ihr den Satz des Bruders mit den »Schweinen«. Der 28-Jährige wiederholte ihn später persönlich gegenüber der Mutter. Die 56-Jährige unterstrich im Zeugenstand, ihr Sohn denke bis heute jeden Tag an die Mädchen in dem Nissan Micra.

Familie als Zeugen: »Die spinnen«

Eine Familie aus Rosenheim stand mit ihrem Auto am Abend des 20. November 2016 an einer Ampel nahe der so genannten Pano-rama-Kreuzung und konnte die zwei BMWs und den VW Golf im Vorbeifahren gut beobachten. »Die spinnen«, beschrieb die Ehefrau die »sportlich« wirkende Szenerie vor Gericht. Nach Worten der Tochter waren die getunten, teils tiefergelegten Autos laut, fuhren in geringem Abstand und gehörten offenbar zusammen.

Der unfallanalytische Sachverständige Andreas Thalhammer aus Rott am Inn präsentierte Videos von den Fahrstrecken der beteiligten Autos und verschaffte den Prozessbeteiligten so einen Überblick über die lokalen Verhältnisse. Ein solches Video könne jedoch nie vermitteln, was ein menschliches Auge sehe, hob Thalhammer heraus.

Einen bereits angekündigten Beweisantrag auf ein verkehrspsychologisches Gutachten stellte die Verteidigerin nun in der Verhandlung am Dienstag. Ob die Kammer dem Antrag entspricht, wird noch entschieden.

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kd