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Virtuose Sternstunden

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Klaviervirtuose Alexandre Tharaud begeisterte im 2. Musiksommerkonzert im Großen Sitzungssaal des Landratsamts. (Foto: Benekam)

Das zweite von insgesamt sieben Traunsteiner Sommerkonzerten war mit dem international gefragten französischen Pianisten Alexandre Tharaud eine wahre Sternstunde für alle Liebhaber vollendeten Klavierspiels.


Bei einer Aura von Ernsthaftigkeit und beseelender Lebendigkeit an seinem Instrument riss Tharaud die Musiksommergäste in ungeahnte Sphären intensiver Klangerlebnisse. Schon die Erscheinung des Pianisten ließ die Neugierde der Zuhörer wachsen: In schlichtem schwarzem Anzug, klassisch, völlig unaufgeregt und bescheiden, fast bieder. Kein Farbtupfer, keine begrüßenden Worte, keine unnötigen, aufmerksamkeitsheischenden Allüren, die vom Wesentlichen ablenken. Bevor seine Hände die Tastatur berührten, richtete er seinen Blick nach oben, gab sich und seinen Gästen Zeit, pure Stille wirken zu lassen.

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Der so erzielte Effekt schlug dann wie eine knallbunte Klangfarbenbombe ein. Sofort erwuchs unweigerlich die Frage, ob das, was in früheren Konzerterlebnissen zu hören gewesen war, alles »falsch« gewesen sein konnte. Richtig, nein goldrichtig, empfanden die Zuhörer jedenfalls das, was in den folgenden zwei Stunden zu hören war.

Los ging es mit der Holberg-Suite von Edvard Grieg. Als Symbolgestalt für den Spätbarock widmete Grieg dem Norwegischen Dichter Ludvig Holberg 1884 zu dessen 200. Geburtstag eine Klaviersuite. Grieg schrieb die Musik zu dem gleichnamigen Textstück, das auf einer Sage über zwei norwegische Königsbrüder beruht und beschritt damit einen vollkommen neuen Weg: Er griff auf barocke Formen zurück und band vier beliebte Barocktänze – Sarabande, Gavotte, Musette und Rigaudon – ein, denen er ein Praeludium voranstellte und eine Air beigab.

Von träumerisch-süß bis unverschämt euphorisch in manischer Hochstimmung reichten die Emotionen, in die Tharaud seine Hörer schickte. Nicht weniger spektakulär interpretierte der Pariser Pianist die zwei Beethoven-Sonaten op. 110 und op. 109: . Interpretiert, im Wesen analysiert, also im Innersten »verstanden« klingt Musik, wenn sich die Intention des Komponisten und des Interpreten decken. So fühlte und hörte sich Tharauds Art, mit der er Beethovens Sonaten wiederbelebte, an – eine Offenbarung, musikalische Empathie, Fähigkeit im Überflug. Einmal angekommen auf »Wolke sieben« des Piano-Himmels ließ es sich dann in wunderbar leichten Läufen von Erik Saties »Trois Gymnopédies« weiterschweben.

Fulminante Erfrischung hielt Tharaud mit einem weiteren Werk eines französischen Musik-Impressionisten, Maurice Ravel, bereit: »La Valse« entstandweit entfernt von leicht beschwingter Wiener Walzerlaunen. Der Komponist schrieb es unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs. Es war also mit traumatischen Erinnerungen behaftet, die tatsächlich aus seiner Tondichtung herauszuhören sind. Als »Poème choreographique«, also ein choreographisches Gedicht, hatte Ravel das Ballett dabei fest im Blick. Mit seiner immer wieder in den Walzerrhythmus einbrechende Militärmusik, klingt das Werk aber eher wie ein aufrüttelnder Trauermarsch. Diese feinsten, dem Werk innewohnenden Details machte Tharaud in seinem Spiel spürbar und krönte es mit schier unfassbarer Virtuosität.

Der Musiksommer funkelte und glänzte in schillernden Klangfarben . Für das zweite Konzert gab es jubelnden Applaus und als Dankeschön für die überschwänglichen Gefallensbekundungen als Zugabe gleich zwei Klaviersonaten von Domenico Scarlatti. Kirsten Benekam