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Vogelstimmen, wilde Engel und Lobgesänge

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Patrick Pföß (links) gratuliert (von links) Constanze Germann-Bauer, Maria Bittel, Johannes Berger und Albert Galimzanov zu ihrem Spiel. (Foto: Mergenthal)

Ein »Gewirr von Regenbögen«, ein »Tanz der Raserei für die sieben Trompeten«, eine »Liturgie aus Kristall« – diese kraftvollen Worte aus den acht Satzbezeichnungen Olivier Messiaens »Quartett auf das Ende der Zeit« spiegeln die Expressivität dieser Musik wider. Ein Quartett aus vier Musikern aus der Region brachte sie auf mitreißende Weise im Rahmen eines Kammermusik-Konzerts zum 25. Todestag von Messiaen im Pfarrheim St. Oswald in Traunstein zu Gehör.


Das Konzert stand unter Leitung der Traunsteiner Komponisten Patrick Pföß. Ein weiterer Höhepunkt war die Uraufführung von dessen Stück »SOLO« für Violoncello piccolo. Bei einem Klosteraufenthalt 2014 hatte er sich zum Ziel gesetzt, ein besonderes Stück für fünfsaitiges Cello (Violoncello piccolo) zu schreiben, ein historisches Instrument, das auch Johann Sebastian Bach in mehreren Kantaten einsetzt. Es hat keinen Dorn und wird zwischen den Beinen gehalten. Die Komposition sollte eine Übung darstellen, um Intellekt, Herz und Trieb in Einklang zu bringen.

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Johannes Berger interpretierte diese ungewohnte Musik konzentriert und einfühlsam. Am Anfang herrschte eine Art Widerstreit zwischen dem Trieb, den ein fast katzenartig miauendes Glissando symbolisierte, dem mit abgehakten Pizzikati dargestellten Intellekt und dem Herz, für das normal gestrichene, warme Celloklänge standen. Gut konnte der Zuhörer in dem teils etüdenähnlich wirkenden Stück mitverfolgen, wie der Trieb dem Intellekt immer wieder »dazwischenfunkte«, bis schließlich das Herz gleichermaßen eine Klärung und Versöhnung herbeiführte. Am Ende erschienen die musikalischen Symbole für die drei Pole in einer Synthese, ineinander verschränkt.

Der Uraufführung stellte Pföß, Leiter des Abends, zwei andere Werke voran, ebenfalls anlässlich von Jubiläumsjahren. Der dänische Komponist Niels Wilhelm Gade (1817 bis 1890) hat heuer seinen 250. Geburtstag. Seine Fantasiestücke op. 43 für Klarinette und Klavier sind ganz klar vom Gründer dieses Genres, Robert Schumann, inspiriert. In den hochromantischen, lieblichen Klängen schwelgend ließen Albert Galimzanov (Klarinette) und Maria Bittel (Klavier) das Andantino con moto erklingen, gefolgt vom impulsiven Allegro vivace. Viel Poesie strahlte der dritte Satz aus, die stilisierte Version eines nordischen Märchens. Mit einem fröhlichen, frühlingshaft aufblühenden und neckischen Allegro molto vivace klang das Werk aus.

Schwungvoll und engagiert interpretierte Violonistin Constanze Germann-Bauer die Fantasia II für Violine solo in G-Dur von Georg Philipp Telemann (1871 bis 1767), der heuer seinen 350. Sterbetag hat. Die Leichtigkeit, Natürlichkeit und Anmut von Germann-Bauers Spiel bezauberte.

Das Werk des Franzosen Olivier Messiaen (1908 bis 1992) konnte man umso mehr genießen, als Pföß mit einer Werkeinführung von Musikwissenschaftler Karl Böhmer, die Messiaen selbst zu Wort kommen lässt, Einblick in die Beweggründe des Komponisten gab. Ein Stück daraus brachte Klarinettist Henri Akoka auf einem Acker bei Nancy im Juli 1940 vor Tausenden von französischen Mitgefangenen in einem Lager der Deutschen zur Uraufführung.

Später wurde es unter dem Titel »Abime des oiseaux«, auf deutsch »Abgrund der Vögel«, in das 1941 in einem Lager bei Görlitz uraufgeführte Quartett eingefügt. Zu Grunde liegt Messiaens Werk die mystische, tief religiöse Symbolwelt der Offenbarung des Johannes. Das Klarinettensolo indes blieb unüberhörbar ein Stück über Vogelstimmen. Galimzanov brachte mit seiner Interpretation das Verlangen nach Licht und jubilierenden Stimmen, die sich aufbäumende Sehnsucht gut zum Ausdruck.

Im Satz »Liturgie aus Kristall« entstand aus einem Dialog von Amsel (Klarinette) und Nachtigall (Geige) eine Vision der Stille der Himmelsharmonien. Beide Streicher erzeugten einen gläsern-kristallenen Klang. Immer wieder taucht in dem Stück ein kraftvoller, mächtiger Engel auf. Wilde, ekstatische Passagen wechseln mit innigen Bildern des Friedens, die gleichsam zu schweben scheinen.

Die von Messiaen gewünschten »zarten Kaskaden aus Akkorden in Blau-Orange, die mit ihrem fernen Glockenklang den quasi-gregorianischen Choral von Geige und Cello umhüllen«, traf Maria Bittel hervorragend. Weitere Elemente sind zwei Lobgesänge, in denen Bergers Cello die Ewigkeit Jesu mit Süße besang und Constanze Germann-Bauers Violine mit einem Aufstieg in extreme Höhen den Aufstieg des Menschen zu Gott und die Unsterblichkeit Jesu verkörperte.

Das versunkene und höchst konzentrierte Spiel der vier Musiker voller mystischer Tiefe, das souveräne Meistern der technisch anspruchsvollen, teils experimentellen Passagen, die Homogenität des Klangs und die Hingabe an das Projekt waren beeindruckend. Der verdiente Applaus wirkte nach diesem kompletten Eintauchen in Messiaens Klanguniversum direkt gewalttätig. Chapeau! Veronika Mergenthal

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