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Voilà Monsieur Brel

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Marco Dott wagt ein Tête-à-Tête mit einem der ganz Großen – und gewinnt: »Dott singt Brel« in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters, musikalisch begleitet von Hana Kovalcíková (Klavier und Akkordeon). (Foto: Löffelberger)

»Es gibt kein Talent. Talent ist der Wunsch, etwas zu tun. Einen Traum wahr werden zu lassen, ist Talent. Der Rest besteht aus Schweiß und Disziplin. Da bin ich mir sicher.« Jacques Brel und das französische Chanson gehören zusammen wie Feuer und Rauch.


Hitze stahlt, Rauch steigt auf, verbreitet sich im Universum, so auch Brels Lebenswerk. Sein Erbe strahlt bis heute Wärme ab, seine Lieder klingen nach, belegen mit ihrer Leidenschaft, was es heißt »zu brennen, zu verglühen, in Flammen aufzugehen«. Funken dieser Leidenschaft sind derzeit in einer Produktion in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters zu erleben: »Ne me quitte pas – Dott singt Brel«, so der Titel, unter dem Schauspieler und Regisseur Marco Dott seine Hommage an den musikalischen Künstler realisiert.

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Zusammen mit Hana Kovalcíková (Klavier und Akkordeon) entstand mehr als ein Liederabend: Ein stimmungsvoller Nachruf, ein »unaufgeregtes, aber aufregendes« Tête-à-Tête mit einem der ganz Großen, vielleicht dem König der Chansoniers. Zu versuchen, einen Brel zu kopieren, so zu singen wie er – damit kann man nur scheitern. Ihn aber zu erfassen, ihn zu spüren und seine inneren Kämpfe, seine Ambivalenzen und intensiven Gefühle nachzuempfinden, darin liegt wohl der Schlüssel zum Erfolg, den Marco Dott mit diesem Abend feiern kann. Dott singt also nicht nur Brel, er versteht ihn, es gelingt ihm, ihn vorzustellen: Voilà Monsieur Brel.

Vorsichtig, fast bescheiden nähert sich Dott Brel an, schlüpft in diese Rolle hinein und führt sein Publikum mit wunderbarer Authentizität dorthin, wo Brel herkam: Beginnend mit seiner Kindheit in Belgien, die er als grau, kalt und einsam erlebte, und seinem Aufbruch in das Paris der 50er Jahre, wo er als Interpret seiner selbst geschriebenen Texte Karriere machen wollte und schließlich zum Weltstar des französischen Chansons aufstieg. »Geh los, bevor ’s zu spät ist«, feuerte er sich selbst an, schrieb wie besessen, zog durch die Varietés und kämpfte sich auf Augenhöhe zu den Großen seines Genres: Montand, Bécaud oder Brassens. Als er seinen Stil fand, lag ihm die Welt zu Füßen. Inspiration schöpfte er aus den großen Gefühlen, verpackte sie in die Sprache des Alltags, produzierte musikalische »Minidramen«, die einschlugen wie Granatsplitter.

Dott fasst Brels Leben und Leiden, sein Singen und Schmachten in kurze Dialoge, in die er ab und an auch die Musikerin Kovalcíková dialogisch einbezieht. Der Zuschauer spürt ganz viel Brel, wie er trampelnd, fuchtelnd, grimassierend seine Chansons nicht singt, sondern sie durchlebt und durchleidet, so als sei es das erste und zugleich das letzte Mal: Voller Wut, Sehnen, Liebe und Verzweiflung, aber vor allem eines – Hingabe. Das schafft Dott auf seine Weise und kommt damit Brel ganz nah.

Das Publikum legt sich förmlich hinein in die Chansons »Ne me quitte pas!« (Verlass mich nicht!), »Amsterdem«, »Quand on n'a que l'amour«, »Mathilde« oder »Knokke-Le-Zoute«, die passend zu den Liedthemen mit Brels Gedanken und Überzeugungen gespickt so tief berühren. Gedanken über die Liebe, den Schmerz, über Einsamkeit, über die Dummheit von Nationalstolz, über Huren, über Krankheit und den Tod. »Die Zukunft liegt im Augenblick, der Tod ist Gerechtigkeit, die Beerdigung ein Fest«, Sätze, die man glaubt, schon einmal gehört zu haben, die einem erlauben, den Blick über den Tellerrand zu richten: »Voir ailleurs« – so nannte es Brel. Mit dem Chanson »Le Moribond« (Der Sterbende) endete die musikalische Reise um den großen Jacques Brel, für die sich das Publikum in den Kammerspielen mit einem frenetischen Applaus bedankte.

Karten und Informationen gibt es per E-Mail unter service@salzburger-landestheater.at und online unter www.salzburger-landestheater.at. Kirsten Benekam