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Volksbegehren ein »Schlag ins Gesicht«

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Kaspar Stanggassinger bleibt weitere fünf Jahre an der Spitze der Bezirksalmbauernschaft Berchtesgaden. (Fotos: Horn)
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Almfachberater Alfons Osenstätter prognostizierte hohe Schäden an Zäunen und Almgebäuden aufgrund der extremen Witterungsverhältnisse im Winter.

Bischofswiesen – »Für die Almbauern ist das Volksbegehren Artenvielfalt »Rettet die Bienen« ein Schlag ins Gesicht. Wir werden mit den Großagrarbetrieben in einen Topf geworfen«, äußerte Bezirksalmbauer Kaspar Stanggassinger im Namen der Mitglieder seinen Unmut. Das Thema zog sich wie ein roter Faden durch die Hauptversammlung der Bezirksalmbauernschaft Berchtesgaden am Samstag im Gasthaus »Brenner Bräu«. Denn sowohl die Referenten als auch die Grußwortredner äußerten ihre Gedanken dazu. Bei der Versammlung wurde Stanggassinger im Amt als Bezirksalmbauer bestätigt.


Dabei wurde deutlich heraus gestellt, dass die im Volksbegehren gestellten Forderungen mit der klein strukturierten Landwirtschaft im Berchtesgadener Land nicht vereinbar seien. Die Lösung sei ein Begleitgesetz, in dem spezifische Festlegungen gemacht werden. Bereits einen Tag nach Bekanntwerden der Beschlüsse der Staatsregierung hatten sich Vertreter der Bauernschaft mit Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber getroffen und die Situation im Berchtesgadener Land besprochen.

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Im Bischofswieser »Brenner Bräu« trafen sich Almbauern und Sennleute zur jährlichen Zusammenkunft. Bezirksalmbauer Kaspar Stanggassinger tat seinen Ärger über das Volksbegehren kund. »Die ÖDP hat bereits zugegeben, dass sie mit dem Entwurf überfordert war. Darin ist beispielsweise keine Rede von Flächenfraß und Städtebau«, so Stanggassinger. »Es wäre besser, bestehende Programme mit den Bauern weiter zu entwickeln, wenn man es mit dem Volksbegehren ernst meint.«

Der Leiter der Landwirtschaftsschule Traunstein Hans Zens berichtete, dass die Schule den Fokus auf den Erhalt von kleinen Strukturen und kleinen Betriebsgrößen richtet. Deshalb kommen auch Interessenten aus anderen Landkreisen an die Traunsteiner Schule. »Wenn wir die kleinen Betriebe erhalten, dann erhalten wir auch die Artenvielfalt«, fasste der Schulleiter zusammen. Auch er bezog sich auf das Volksbegehren: »Es gibt viele Gründe für das Artensterben, wie den Klimawandel oder den Flächenfraß. Es ist nicht die Landwirtschaft alleine schuld.« In Bezug auf die geforderten 30 Prozent an ökologischem Landbau rechnete Zens vor: »In den Landkreisen Berchtesgadener Land und Traunstein werden 82.000 Hektar bewirtschaftet, davon 11.189 Hektar ökologisch und 12.752 Hektar Grünland extensiv. Das bedeutet, dass 28 Prozent der Flächen in unserem Dienstgebiet ökologisch oder extensiv bewirtschaftet werden.«

In den beiden Landkreisen gibt es auch keine Probleme mit erhöhten Nitratwerten. Anders sieht es bei der Belastung durch Phosphor aus. »Hier bereiten uns der Waginger See und der Abtsdorfer See Sorgen«, sagte Zens. Weiter zeigte er auf, dass im Dienstgebiet 10.000 Obstbäume stehen und dass auf 35.000 Hektar Fläche die Gülle mittels bodennaher Technik ausgebracht wird. »Die biologische Vielfalt liegt in der gemeinsamen Verantwortung von allen Leuten, Erzeugern und Verbrauchern«, fasste Hans Zens zusammen.

Der Vertreter des Landratsamtes, Veterinär Dr. Matthias Popp, informierte über die Impfungen gegen die Blauzungenkrankheit. Die Almbauern sollen mit ihren Hoftierärzten Kontakt aufnehmen und rechtzeitig planen, da derzeit der Impfstoff vergriffen ist. Ende April soll das Serum wieder zur Verfügung stehen.

Enorme Schäden durch Schneemassen

Almfachberater Alfons Osenstätter kam auf offene Fördergelder zu sprechen, die noch nicht ausbezahlt worden sind. »Im Landkreis Berchtesgadener Land sind es 60.000 Euro, in Traunstein sogar 220.000 Euro, die noch offen sind. Im Staatsministerium wird das damit begründet, dass der Doppelhaushalt noch nicht beschlossen ist«, so Osenstätter, der die Almleute um Geduld bat.

Der Almfachberater prognostizierte höhere Investitionskosten für die kommenden Monate. Denn durch Schneemassen und Windwurf sind enorme Schäden an Weidezäunen und Gebäuden entstanden. Auf vielen höheren Almen können diese Schäden noch nicht ermittelt werden, da diese immer noch nicht erreichbar sind. Der Fachbereichsleiter bat die Bauern, sich mit der Unteren Naturschutzbehörde in Verbindung zu setzen, wenn Erdbewegungen auf Almgebieten geplant sind. Sachgebietsleiter Georg Linner vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten sieht das Volksbegehren als Chance für die Almbauern. »Ihr wart gar nicht gemeint, fühlt euch nicht angesprochen, sondern nutzt die Chancen.«

Landratstellvertreter Rudi Schaupp kam neben dem Thema »Volksbegehren« auch auf den Wolf zu sprechen. Im Nachbarlandkreis Traunstein wurde eindeutig ein Wolf aus der europäischen Population anhand einer Fotofalle identifiziert und auch im Berchtesgadener Land sei ein »wolfsähnliches Tier« in eine Fotofalle gelaufen.

»Wir brauchen euch Almbauern«

Bischofswiesens Bürgermeister Thomas Weber animierte die Almleute, die Chance zu nutzen, dass die Landwirtschaftsministerin aus dem Berchtesgadener Land kommt. »Frau Michaela Kaniber hat den Dialog zugesagt. Nutzt es, dass Probleme ungefiltert an das Ministerium herangetragen werden können.« Er schloss mit den Worten: »Wir brauchen euch Almbauern zum Erhalt unserer Landschaft.«

Der Vorsitzende des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern Georg Mayr hatte ausführliche Informationen mitgebracht, was der Dachverband leistet. Nachdem es durch die Waldschäden des vergangenen Winters öfter nötig sei, Abfallholz direkt vor Ort zu verbrennen, bat er die Bauern, geplante Feuer unbedingt anzumelden, damit es nicht zu unnötigen Feuerwehreinsätzen kommt. In einem Brief an die Landkreise will der Almwirtschaftliche Verein auch darauf hinweisen, die Anmeldungen einheitlich über die Rettungsleitstellen laufen zu lassen. Zum Volksbegehren meinte Mayer: »Schade, das war reine Unwissenheit. Man hätte sich vorher zum Dialog treffen müssen, und nicht zwangsweise hinterher.«

Ein weiteres Thema, das Georg Mayr ansprach, war das Gerichtsurteil in Österreich. Ein Almbauer soll demnach hohe Schadensersatz- und Schmerzensgeldsummen bezahlen, weil eine Urlauberin beim Durchqueren seiner Weide von einem Rind tödlich verletzt wurde. Mayr berichtete, er habe bereits mit der Landwirtschaftsministerin Kontakt aufgenommen, um das Haftungsrecht in Bayern prüfen zu lassen. Leider gibt es bereits erste Fälle in Bayern, bei denen Klage gegen einen Landwirt eingereicht wurde.

Dem Thema Wolf widmete sich Georg Mayr etwas ausführlicher und fasste zusammen: »Der Aktionsplan Wolf hat die Handschrift des Almwirtschaftlichen Vereins. Wir wollen den Abschuss. Der Schutzstatus muss gesenkt werden. Es darf keinen Eingriff in das Jagdrecht geben, sondern der Abschuss soll legalisiert werden.« Auch Kaspar Stanggassinger äußerte sich zum Wolf. Maria Horn