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Voller Hingabe und Können

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Dirigent Paul Daniel und der Geiger Renaud Capuçon waren die Stars des Abends. (Foto: Mikosch)

Eine interessante Mischung aus französischer und britischer Musik haben das Orchestre National Bordeaux Aquitaine mit seinem britischen Chefdirigenten Paul Daniel und der Stargeiger Renaud Capuçon im Großen Festspielhaus bei den Kulturtagen der Salzburger Kulturvereinigung gespielt.


Den Anfang machte Maurice Ravels (1875 bis 1937) Orchestersuite »Le Tombeau de Couperin«, die der Komponist vorerst 1917 in einer sechssätzigen Klavierversion fertig gestellt hatte und 1919 in eine Orchesterfassung mit vier Sätzen umschrieb, in der die Holzbläser eine herausragende Stellung einnehmen.

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Ravel betrachtete sein Werk aber nicht allein als Huldigung an den Barockkomponisten François Couperin, sondern als Gedenken an seine gefallenen Kameraden des 1. Weltkriegs.

Als die ersten Töne des Prélude erklangen, war jedoch keine Trauer in der Musik zu hören, sondern helle Bläserklänge einer heiteren Klarinette, Oboe und des Englischhorns, begleitet von flinken Geigen, in die sich in ausgeklügeltem Arrangement und Wechsel alle Bläser- und Streichergattungen einfügten.

Kleinste Handzeichen ihres Dirigenten wurden ebenso sensibel wie klangschön umgesetzt und ließen das Publikum Ravels raffinierte Tonsetzung genussvoll aufnehmen. Im tänzerischen Forlane des zweiten Satzes schien wiederum Ravels positiver Rückblick auf die alten Freunde zu überwiegen. Dieser tatsächlich einem alt-italienischen Tanz angelehnte Satz faszinierte durch seinen rhythmischen Schwung. Auch sanft-herbe Klänge fügten sich ein und endeten nachdenklich in zarter Höhe. In elegant aufrechter Haltung und kleinen, doch imponierend exakten Handbewegungen führte Paul Daniel das französische Orchester.

Nachdenklich schmeichelte im dritten Satz das Menuett in weichen Bläsermelodien trotz manch herber Akkordbrüche dem Ohr, bis sich die Streicher in warmem Ton einfügten und ein wenig Melancholie spüren ließen.

»Poeme« (Gedicht) nannte der französische Komponist der Spätromantik, Ernest Chausson (1855 bis 1899), sein gefühlsgetragenes Konzert für Violine und Orchester in Es-Dur, das im Anschluss erklang. Renaud Capuçon begann nach dem düster-lyrischen Einstieg des Orchesters auf seiner wertvollen, fast 200 Jahren alten Violine mit seinem Solo. Voller Poesie nahm er die Zuschauer in faszinierender Technik mit auf eine sich immer weiter steigernde Gefühlsreise der Liebe – von Verzweiflung, Sehnsucht, Resignation und Hoffnung.

Die träumerische Zartheit seines Spiels bis in höchste Lagen rührte das Publikum bis ins Innerste an, während ein ebenso einfühlsames Orchester ihn begleitete.

Nach der Pause erlebten die Zuhörer diesen vielseitigen Solisten auf ganz andere Weise: In Maurice Ravels »Tzigane«, Rhapsodie de concert (1924), eines der anspruchsvollsten Stücke der Geigenliteratur. Capuçon interpretierte hier bestechend die Spielweise der zu Ravels Zeiten von Brahms und Liszt geschriebenen romantischen »Zigeunermusik« und bestach durch kraftvolle Tiefe und flirrend leichte Höhen in einer betörenden Präzision. Diese herrliche Klangreinheit begeisterte genauso wie seine farbigen Nuancierungen.

Mit den »Enigma-Variationen« op. 36 (1898/99) des Briten Edward Elgar (1857 bis 1934), kam eine spätromantische Komposition zu Gehör. Absolut in seinem Element, wusste der britische Dirigent seinem Orchester mit den vielen jungen, ausgezeichneten Musikern mit Hingabe Elgars ausdrucksvolle Tonsprache zu entlocken.

In wechselnder Körpersprache – je nach Elgars Stimmungsgemälden – präsentierte er dem gebannten Publikum ein Klangerlebnis besonderer Art: eine Fülle von melodisch-ruhigen und aufblühenden Passagen, schmelzenden Wohllauten, ekstatisch sich steigerndem Klang oder strahlendem Blech in jubelnder Kraft, immer wieder von Elgars wunderschöner, improvisierter Melodie durchzogen.

Begeisterter Applaus für ein herrliches Orchester und diesen charismatischen Dirigenten, der lachend und in deutscher Sprache noch eine Zugabe, wiederum von Edward Elgar, ankündigte: »Ein verrücktes Stück! – Der Zauberstab der Jugend!« (»The Wand of Youth« Suite Nr. 2, op. 1b, Nr. 6 »The Wild Bears«) und entließ nach diesen schmissigen Klängen ein glückliches Publikum in eine spätsommerliche Nacht. Helga Mikosch