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Volles Rohr

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Neue Freundin, neue Frisur: Nickelback-Frontmann Chad Kroeger im Münchner Olympiastadion. (Foto: Kewitsch)

»Seit er a g'scheide Freundin hat, hat er auch a g'scheide Frisur«, meinte eine Besucherin. Wenngleich Frisur und Haarschnitt keinesfalls im Mittelpunkt einer Konzertkritik stehen sollten, so vermag auch der Autor dieser Zeilen nicht zu übersehen, dass der charismatische Chad Kroeger, Frontmann der Band Nickelback, durchaus unter neuem (positiven) Einfluss steht. Mittelpunkt im Wortsinn war aber in jedem Fall die große Bühne an der Längsseite des Münchner Olympiastadions, ganz in schwarz, ohne jeden Schnick-Schnack. Die derzeit noch andauernden Renovierungsarbeiten in der Olympiahalle zwangen die Organisatoren, einen Ausweichort zu finden. Das Stadion der Spiele von 1972 ist dafür bestens geeignet.


Im Vorprogramm die Band Daughtry, deren rockiger Stil starke Ähnlichkeiten zum Nickelback-Sound aufweist. Chris Daughtry (ohne Frisur, da kahl), rockte und röhrte, brachte die knapp 15 000 Zuschauer auf Betriebstemperatur. Seine Band mühte sich redlich, und der langsam aufsteigende Mond hatte den besten Blick auf den allmählich brodelnden Innenbereich des Olympiastadions. Die Hits »It's not over«, »Over you« und »Home« waren so etwas wie Garantiescheine für eine perfekte Performance. Die Jungs hatten sichtlich Spaß und das Publikum war erstmals in dieser Nacht verzückt.

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Nach langem Warten hüllte sich die ohnehin schon dunkle Bühne in ein noch tieferes Schwarz, und mit einem Gitarrenknall war Chad Kroeger auf einmal gegenwärtig. Grinste, sehr souverän, atmete einmal tief durch und ließ erstmals an diesem Abend seine noch tieferer gewordene Mannesstimme durch das Mikro. Die Damen bekamen Gänsehaut, die männlichen Fans wurden neidisch, und schon nahm der erste Song »This means War« seinen Lauf. Chad Kroeger weiß um seine Wirkung. Vollgas. Lichter zucken, Boxen dröhnen, Körper wogen.

Das Tempo blieb hoch, die Stimmung ebenso. »Something in your Mouth«, »Bottoms up« und schließlich das bekannte »Photograph«, allesamt gitarrengetrieben und stimmlich rauchig untermalt. Nickelback- Sound halt. Chad und sein Halbbruder Mike kümmerten sich an diesem Abend wenig um Lautstärke-Limits. Ab und an gab es auch vermeintlich zarte Töne zu hören, rockige, Whiskey-getränkte Balladen, galt es vielleicht, die Backstage anwesende Verlobte Avril Lavigne, die punkt Mitternacht Geburtstag hatte, sanft zu stimmen. Ob es gelang, ist nicht überliefert. Doch einerlei ob Kuschelrock oder stampfender Sound, Nickelback war präsent, gegenwärtig, einfach klasse, und die Stimmung im Oval eine ganz besondere.

Bedingt durch die vergleichsweise familiäre Atmosphäre (normalerweise pilgern 65 000 Menschen zu den Rockkonzerten), die milden Temperaturen und die von Chad Kroeger hergestellte Nähe zum Publikum lag eine Spur von Magie über den Olympiadächern, dazu trugen auch die zahlreichen Videobilder von »schulterreitenden Fans« bei. »Someday«, »Lullaby« und das aktuelle »When we stand together« holten auch die letzten zögerlichen Fans aus den Sitzen.

Das von der Band ausgegebene »Beer for free« sollte sich sehr nass über die Massen in der Arena ergießen, das Drum-Solo von Daniel Adair war die beste Einzelperformance des Abends. Einziger Wermutstropfen die doch knapp kalkulierte Konzertlänge. Gegen 23 Uhr war die letzte Note von »Burn it to the Ground« gespielt, und schon war der dunkle VW-Bus aus dem Stadion entschwunden. Udo Kewitsch