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Vom Barock und anderen heilen Welten

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Drei Matineen spielten die Wiener Philharmoniker unter dem Dirigenten Ricardo Muti. (Foto: Salzburger Festspiele/Marco Borelli)

Es gab eine Zeit, da war Richard Strauss vorne dran. Ziemlich weit vorne sogar, wenn es galt, zurück zu schauen. Davon zeugt die Orchestersuite »Der Bürger als Edelmann«, die Riccardo Muti und die Wiener Philharmoniker in ihren drei Matineen bei den Salzburger Festspielen rund um Ferragosto vor Bruckners »Zweiter« hören ließen.


Die Rückschau in bessere Zeiten lag damals in der Luft nach dem Zusammenbruch der Monarchie und nach dem Ersten Weltkrieg: Strawinsky, Prokoffjew, Respighi... Nicht aufs Fin de sièce hat man zurückgeschielt (zu unerfreulich, hatte das Kriegs-Schlamassel doch dort den Ausgang genommen). Der Barock lockte. »Originalklang« war 1918/20, nie und nimmer das Ziel, sondern die Anverwandlung ans damalige Heute. Im Fall des Post-Rosenkavalier’schen Strauss traf maximaler Wiener Charme aufs Frankreich des Molière.

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Genau dahin zielten Riccardo Muti und die Philharmoniker. Nur, wer den Wiener Walzer im Blut hat, lässt eine Courante so klingen. Nur ein Klangfarben-Mischer vom Format eines Richard Strauss konnte auf die Idee kommen, Lully mit geteilten Bratschen im Schlurfschritt zu porträtieren/karikieren. Mit Lust und Laune hat Riccardo Muti also den Philharmonikern – die auf diesem Terrain quasi bei sich selbst sind wie selten sonst wo – die eine oder andere Pointe zusätzlich nahe gelegt. Viel braucht man den Philharmonikern beim »Bürger als Edelmann« wahrlich nicht sagen.

Dann Bruckners »Zweite«. Auch die haben die Philharmoniker schließlich uraufgeführt, freilich nachdem sie dem Komponisten die Erstfassung um die Ohren gehauen und eine Aufführung abgelehnt hatten. Folgerichtig griff man zur Zweitfassung. Andere mögen über die legendären Generalpausen hinweg immer das nächste Forte im Blick haben: Riccardo Muti hält es mehr mit den lyrischen Passagen und er sucht, auch wenn das Blech sich einmengt, nach dem Melos. Auch im Finale lässt Muti sich nicht auf die Blechgipfel hetzen, sondern er kostet mit bemerkenswerter innerer Ruhe die quasi pastoralen Einsprengsel und Langzeit-Aufhellungen aus.

Auch bei Bruckner der Eindruck höchster Kollegialität zwischen Muti und seinen Musikern. So ohne Kräftemessen geht Bruckner selten ab, und das war gerade der nicht unheiklen »Zweiten« höchst dienlich. Ein richtig schöner Vormittag. Reinhard Kriechbaum

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