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Vom Holzfachwirt zum Bildhauer

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Lutz Hesse mit dem Porträt von »Hannes« in seiner Werkstatt in der Schnitzschule. (Foto: Meister)

Berchtesgaden – Lutz Hesse ist Bildhauer und Lehrer an der Schnitzschule. Er vermittelt seinen Schützlingen Wissen und bildhauerische Fähigkeiten.


Der Ort, in dem Lutz Hesse aufwuchs, ist rund 700 Kilometer von Berchtesgaden entfernt. Eine hügelige, waldreiche Landschaft, die zumindest zum Zeitpunkt, als der heute 31-Jährige zur Welt kam, doch ein gutes Stück abgelegen war. Tastungen im Eichsfeld lag im Grenzgebiet der DDR, relativ nah an Niedersachsen, aber durch die politischen Verhältnisse waren die Dörfer nur einseitig zu erreichen und zum Teil verlassen.

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Aus Liebe zum Holz arbeitete er bereits als Forstwirt in Niedersachsen, dann zog es ihn förmlich nach Berchtesgaden an die Schnitzschule. Dort lernte er, aus Holz schöne und bemerkenswerte Dinge zu schaffen. Nach der Meisterschule kehrte er schließlich zurück nach Berchtesgaden: Als Lehrer für künftige Holzbildhauer. Er hat sich einen Traum erfüllt, in dem er sich rundum wohlfühlt.

Interesse an Holz kam erst später

Als Kind hat er gern gezeichnet und modelliert, aber ein konkreter Berufswunsch hat sich daraus noch nicht abgeleitet. Auch der Werkstoff Holz genoss noch keine besondere Wertschätzung. Das kam erst einige Jahre später: Er verließ seine Heimat und ging nach Niedersachsen, um sich als Holzfachwirt ausbilden zu lassen. Der tägliche Umgang mit der Kettensäge brachte Hesse schließlich zur Erkenntnis, dass man aus dem geschlagenen Holz nicht nur den Rohstoff für die Möbelindustrie oder das Baugewerbe gewinnen, sondern durchaus noch ganz andere Dinge formen kann. Die Aufträge kamen bald, auch wenn es ihm ein wenig peinlich scheint, über die Adler, Eichhörnchen und andere Tiere zu sprechen, die er auf Wunsch aus dem Holz heraussägte. Es war der eigentliche Anfang eines beruflichen Werdegangs, der aus der Rückschau betrachtet immer bergauf verlief.

Holzfachwirte sind den ganzen Tag an der frischen Luft, teilen ihr Leben allerdings auch immer mit einem gewissen Risiko. Dafür erschien ihm die Entlohnung doch als zu gering, sagt Hesse heute mit einem Lächeln. Also begann er nach etwas anderem zu suchen, zunächst mit der Einstellung, dass er wenigstens etwas machen möchte, was ihm Spaß macht, wenn er schon schlecht bezahlt wird.

Letztlich hat er sich in Berchtesgaden als Schüler für die Holzbildhauerklasse beworben und wurde genommen. Friedrich Schelle war damals sein Lehrer. »Ich fühlte mich wie in einer neuen Welt, fast wie im Paradies«, sagt er rückblickend. Lutz Hesse kann sich schnell in neue Situationen einleben.

Zwar hat er im abgeschiedenen niedersächsischen Wald seine Lehrzeit begonnen, für ihn beginnt sie offiziell aber erst 2009: an der Schnitzschule in Berchtesgaden. Das Lernen hat nie aufgehört, sagt er. Denn nach erfolgreichem Abschluss hat er die Meisterschule in München absolviert und dann auch ein wenig Glück gehabt, denn eine Kollegin gab relativ abrupt ihre Stelle an der Schnitzschule ab. Da durfte er für ein paar Wochen einspringen, bis zu den Sommerferien. Danach folgte eine offizielle und öffentliche Stellenausschreibung. Lutz Hesse bekam sie.

Wieder hatte er Neuland vor sich, denn als Lehrer musste er den jungen Leuten, die teilweise sogar älter als er waren, vermittelt, was sie als künftige Holzbildhauer wissen und können müssen. »Ich habe die ersten drei Jahre als Lehrer für mich selbst als Lehre gesehen, denn was ich dort tun musste, war für mich auch neu.«

Inzwischen hat Lutz Hesse seinen zweiten Dreijahreszyklus begonnen. Was er seiner aktuellen Klasse bereits nach wenigen Wochen der Ausbildung beigebracht hat, zeigen die Ergebnisse des kürzlich abgeschlossenen Danner-Wettbewerbes. Auch Hesse bleibt als Mensch ein »privater« Bildhauer. In seinem kleinen Büro in der Schule beispielsweise, das eigentlich eine kleine Werkstatt ist, stehen Porträtbüsten, die ehemalige Schüler zeigen. Die hat er entstehen lassen, als sich seine Schüler mit dem Thema Porträt auseinandersetzen mussten. »Learning by Doing«, also beim Werken lernen, in ganz spezieller Form. Und nicht nur deshalb sieht er sich vielen Leuten zu Dank verpflichtet, Menschen, ohne die vieles nicht so verlaufen wäre. Auf (fast) geradlinigem Weg und oft bergauf.

Der Bildhauer aus Thüringen ist inzwischen auch Vater eines kleinen Jungen: Hannes heißt er. Sein Konterfeit findet sich selbstverständlich in der kleinen Porträtgalerie mehrfach.

Miniaturen verzaubern

Hesse ist mittlerweile auch Mitglied des Berchtesgadener Künstlerbundes, zeigt Schönes und nicht selten Verblüffendes bei deren regelmäßigen Ausstellungen. Porträtbüsten natürlich, Tierdarstellungen ebenso und fast jedes Mal verzaubert er das Publikum durch seine Miniaturen, kleine bis kleinste Figuren, die von einer Stele herab selbstbewusst in die Welt blicken. In Erinnerung geblieben sind auch kleinformatige Krippen, in denen er dem Kern der Weihnachtsgeschichte minimalen Platz einräumt und doch alles zusammenhält – zum Beispiel in einer Nussschalenhälfte.

Als Kontrast dazu stehen Symposien, in denen der Bildhauer den Umgang mit der Kettensäge vermittelt, wie am Abtsee. Er bringt seinen Schülern die »grobe Form« der Bildhauerei bei. Dazu gehört auch, sie in wuchernder Natur tote Bienen oder Heuschrecken aus dem Holz holen zu lassen: als Mahnmale für die Zerbrechlichkeit der Umwelt. Der Holzbildhauer Hesse hat sich kürzlich einem anderen Material gewidmet und seine erste Bronzearbeit vollendet. Wer sie sehen möchte, muss aufsteigen, denn sie prangt am alten Herrenstart am Kopf der Königsseer Kunsteisbahn. Anlass war das Jubiläum der Bahn.

Lutz Hesse, so macht es den Eindruck, ist ein glücklicher Mensch. Er hat eine Familie, die sich bald vergrößern wird, er hat einen Arbeitsplatz, der ihm (meis- tens) Freude und Spaß beschert, er hat im Berchtesgadener Land einen Wohnort gefunden, der ihm gefällt.

Natürlich hat er auch Wünsche, eine größere Wohnung vielleicht für die bald vierköpfige Familie, Möglichkeiten, die eigene Kreativität auszuleben und gleichzeitig seinen Schülern das nötige Wissen und Können mitzugeben. Hesse scheint angekommen, aber er hält die Fühler ausgestreckt. Er will vermitteln und gleichzeitig Neues in sich aufsaugen. »Ich habe auch noch viel zu lernen«, sagt er und lächelt. Dieter Meister