weather-image

Vom Jazz und der Zylinderwindelschnecke

5.0
5.0
Bildtext einblenden
Robert Heigl und Peter Fischer bei ihrem fulminanten Abschluss im Studio 16. (Foto: Mergenthal)

»Musik ist schön, aber wirkungslos« – derlei Statements wirft Peter Fischer dem Publikum zu Beginn eines bezaubernden Liedermacher-Abends im »Studio 16« hin. Ein Vergleich drängt sich auf zum Beginn des zweiten Teils durch Robert Heigl an der Gitarre: »Unpraktisch, aber schön«, besingt er die kleinen Ungereimtheiten des Lebens, die es erst so l(i)ebenswert machen. Die zwei jungen Münchner ergänzten sich in ihrer Unterschiedlichkeit perfekt und zogen in einem wunderbar familiären Rahmen in Bann.


Seit gut einem Jahr erst stehen Peter Fischer (27, Piano), der mit Hochzeiten und anderen Events von der Musik lebt, und der gebürtige Traunsteiner Robert Heigl (28), ein Heilerziehungspfleger, auf der Bühne. In dieser kurzen Zeit haben sie schon etliche Liedermacherpreise abgeräumt. Erste Plätze gab es für Heigl beim »Evening Hero« der Munich Song Connection im Januar 2015 und für Fischer beim »Sendlinger Haferlschuh« im Dezember 2014. Darüber hinaus erhielt Fischer in Hoyerswerda den Publikumspreis der »Hoyschrecke 2015« und in Rostock den Goldenen Rostocker Koggenzieher sowie den Publikumspreis. In den beiden Teilen des Abends präsentierten sie jeweils ihre Solo-Lieder, um am Ende noch mit einigen gemeinsamen Titeln zu überraschen.

Anzeige

Frech, charmant und virtuos sang sich Peter Fischer in seinen verrückten, rasend schnell vorgetragenen Texten und seinen mal jazzig, mal klassisch angehauchten Arrangements in Rage. Mit erfrischender Selbstironie beleuchtete er seine eigene Existenz als hauptberuflicher Musiker. Nach dem Begrüßungssong mit Zeilen wie »Ich brauche Kohle wie Sau, guten Abend, liebe Frau« bezieht er Zwischenfälle spontan auf originelle Weise ein und singt zu einem nach Art einer hängenden Platte wiederholten Akkord »Ich sollte die Leute, die zu spät kommen, namentlich begrüßen...«. Seine kabarettartige Moderation ist so knackig und abgefahren wie seine Texte.

Er enthüllt in seinen Songs Wahrheiten – »Ich sag euch, die größten Opportunisten sind diese verdammten Musikkabarettisten« –, lässt den Schelm, den Teufel in uns allen, wenn es ums Erbe oder um echte Toleranz geht, mit den Augen funkeln, und verrät, warum sich der verunsicherte Bayer in der globalen Welt so auf sein »Dahoam« konzentriert: »Je größer der Saustall, desto kleiner fühlt sich das Ferkel, das drin hockt.« In »Zu klein« spannt er den Bogen in abgründiger Satire von seinen ersten Wochen im Brutkasten bis zum Diktator Hitler. Sein Klavier plätschert lässig, groovend und smooth dahin. Er schüttelt die Pointen aus dem Handgelenk in Refrains, die bei jeder Wiederholung einen anderen Hintersinn erhalten: »Beim ersten Mal ist es ein Fehler, beim zweiten Mal ist es Jazz – und ich liebe Jazz«, singt er und schlägt die Brücke von Erfahrungen aus dem eigenen Klavierunterricht mit Beethoven, Debussy und Bach bis zu treffsicherer Gesellschaftskritik.

Hinter jedem Lied von Robert Heigl steht eine erlebte Geschichte. Skurril schildert er seine Neugier und seine Spekulationen, ausgelöst durch das Schild »Leben pur 3. Stock links« am Haus mit der Nummer acht. Ein anderer Song wurde durch eine Radiomeldung über die »Kauflaune der Deutschen« inspiriert. »Es gibt zwar nichts, was ich brauche, aber so viel, was ich haben muss«, ist das Resümée des Songpoeten, der aus bitterer Erfahrung »keine Versprechen in Ekstase mehr« gibt.

Über Trennung und Entfremdung in der Liebe erzählt er auf authentische Weise, gipfelnd in den Worten »Was ist los mit dir? Gegenfrage: Was verdammt ist los mit dir?«: Die Freundin ist angeödet von der Veränderung ihres Liebsten, der auf »Love and Peace« steht, nur noch fair einkauft und meditiert... . Noch intimer sind einige im Sitzen vorgetragene zauberhafte Balladen mit tollen Bildern wie »Diese Stadt ist wie ein Suppenteller mit ganz hohen Rändern« und Lebensweisheiten: »Hello und Goodbye, nur wer beides sagen kann, der ist wirklich frei.«

Robert Heigl widmet der kleinen rotbraunen Zylinderwindelschnecke ein Gedicht und singt über seine Begeisterung für Steckrübenrezepte – man sieht förmlich eine ganze Wohnung voller Steckrübenprodukte vor sich. Er übt subtile Zivilisationskritik, bedankt sich mit scharfer Ironie bei der Pharmaindustrie, zeugt in einem Lied über das »verflixte siebte Jahr« von seiner feinen Beobachtung des Lebens und lässt immer wieder eine unbändige Lebenslust durchbrechen. Hier treffen sich die beiden Musiker: Mit nachdenklichen Zwischentönen rufen sie dazu auf, im Sturm auf hoher See vor dem gemeinsamen Untergang zu genießen, was die Lager hergeben. Von ihren Duetten möchte man noch mehr hören. Veronika Mergenthal

- Anzeige -