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Vom Rabauken zum Fallschirmtechniker

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Bischofswiesen: Vom Rabauken zum Fallschirmtechniker | Stefan Schöddert
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Nervenkitzel in der Höhe. (Foto: privat)

Bischofswiesen – Der Sturz in die Tiefe gehört zu seinem Alltag. Stefan Schöddert ist ein leidenschaftlicher Fallschirmspringer. Er hat bereits 1200 Freifälle erlebt. Sein Hobby machte er zum Beruf. Der 22-Jährige arbeitet als Fallschirmtechniker bei der Firma »Paratec« in Saarlouis. Allerdings fiel ihm der Weg dahin nicht immer leicht, da er auch Rückschläge einstecken musste.


Was ihn an der Sportart reizt, ist der extreme Nervenkitzel – sei es vor dem Sprung oder bei der Landung. Schöddert erinnert sich noch an seinen ersten Freifall aus 4000 Metern Höhe. Angespannt saß der damals 14-Jährige im Flugzeug. Ein Pilot schrie: »Noch zwei Minuten.« Nach jeder Sekunde sei der Bischofswieser nervöser geworden. Besonders turbulent sei für ihn der Moment gewesen, als ein Lehrer die Flugzeugtür geöffnet hatte. »Es war laut und kalt. Ich hatte butterweiche Knie. Mein Körper war vollgepumpt mit Adrenalin«, schildert Schöddert die Situation.

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Erst putzen, dann das Vergnügen

Der Bischofswieser musste zwei Lehrer anbrüllen, um ihnen seinen Absprung zu signalisieren. Dann stürzte er sich in die Tiefe. Er habe sich lebendig gefühlt. 60 Sekunden Freifall hätten ihm seinen Lebenstraum offenbart. Gerade die Eigenverantwortung in diesem Sport habe Schöddert fasziniert. Zwar seien zwei routinierte Sprunglehrer neben ihm geflogen und hätten notfalls geholfen, doch er musste die Entscheidung für sich alleine treffen – den Fallschirm selbst öffnen. Nach der Landung wirkte das Adrenalin eine Weile nach.

Nach dieser Erfahrung beschloss er, eine Lehrerlizenz im Fallschirmspringen zu machen. Zunächst musste er eine Sprunglizenz erwerben, die er in einem Kurs binnen einer Woche bekam. Die Voraussetzung für die Lehrerausbildung war erfüllt. Bei »skydive colibri« am Flugplatz Waizenhofen bei Thalmässing startete er seine Lehre. Für den Lehrerschein im konventionellen Fallschirmspringen – 1200 Meter Fallhöhe mit automatischer Auslösung des Fallschirms – musste er 300 Sprünge nachweisen.

In der Schulzeit nutzte Schöddert die Ferien, um zum Flugplatz zu fahren. Allerdings musste er sich die Sprünge selbst finanzieren. Deshalb putzte er in Thalmässing die Flugzeuge und packte Fallschirme. Der Bischofswieser hat während seines Aufenthalts am Flugplatz mit einem Freund in einem Wohnwagen gelebt. Abends setzte er sich mit seinen Kollegen am Lagerfeuer zusammen. Waizenhofen sei für ihn der perfekte Rückzug vom Alltag gewesen. Zumal er sich auf Anhieb mit den Gleichgesinnten verstand. »Skydive colibri war eine zweite Familie für mich. Meine Leidenschaft für den Fallschirmsport hat sich dort manifestiert. Mir war von da an klar: Es gibt nur eine wahre Berufung«, sagt Schöddert.

Zwangspause für anderthalb Jahre

Nicht einmal ein schwerer Unfall im Jahr 2013 hielt ihn von seinem Vorhaben ab. Damals war er auf der Königsseer Straße mit seinem Moped unterwegs. Es kam zu einer Kollision mit einem Auto, das sein Moped seitlich erwischt hatte. Schödderts rechtes Knie wurde zertrümmert. Anderthalb Jahre Erholung und eine enorme Willenskraft hätte er für eine Rückkehr zu »skydive colibri« gebraucht. Er wollte unbedingt die Lehrerlizenz. »Natürlich hatte ich Angst, nach langer Zeit wieder zu springen«, sagt er. Gerade beim Sprung aus dem Flugzeug müsse er die Knie stark belasten. Es gab ein Restrisiko, sich erneut zu verletzen. Der Freifall lief reibungslos ab. »Ich war erleichtert, glücklich und traute mich wieder an den Sport«, sagt er heute.

Noch größer waren seine Glücksgefühle beim Kauf seines ersten Fallschirmsystems. Darin enthalten: ein Rucksack, auch Container genannt, ein Hauptschirm sowie ein Reservefallschirm, der im Falle einer Bewusstlosigkeit über einen integrierten Computer geöffnet wird.

Auch wenn Schöddert selbst ganz genau wusste, was er beruflich machen möchte, so wünschten sich seine Eltern, dass er das Fachabitur macht und danach studiert. »Es war ein Dilemma. Zumal ich meine Eltern verstehen konnte. Sie wollten nur das Beste für mich. Ich war ein Rabauke«, räumt er ein. Viele Auseinandersetzungen und Verweise hätten seine Schulkarriere geprägt.

Beim Fallschirmspringen habe er dagegen eine positive Entwicklung erlebt. Für ihn sei die Zusammenarbeit mit Erwachsenen wertvoll gewesen. »Langsam, aber stetig habe ich die nötige Disziplin gelernt.« Aus diesem Grund hat der Bischofswieser mit 19 Jahren die Fachoberschule in Berchtesgaden abgebrochen. Er verließ Bischofswiesen und zog nach Thalmässing. Neben der Ausbildung zum Fallschirmsprunglehrer hat er einen Vollzeitjob auf dem Flugplatz Waizenhofen begonnen.

Dort hat er Videos für Kunden geschnitten, deren Sprünge zuvor auf Kamera aufgenommen worden sind. So konnte er sich weitere Ausbildungssprünge finanzieren. Diese Arbeit konnte er aber nur saisonbedingt ausüben. Das Geld reichte nicht, um auch im Winter davon leben zu können. Doch über einen Boogie in Kassel, ein Zusammentreffen für Fallschirmspringer, konnte er neue Kontakte knüpfen. Dabei lernte er den angehenden Produktionsleiter der Firma »Paratec« kennen.

»Er bot mir eine Ausbildung zum Fallschirmtechniker in Saarlouis an. Nun hatte ich eine ganzjährige Beschäftigung«, so der Bischofswieser. Schöddert schloss im März 2018 die Ausbildung zum Lehrer für konventionelle Fallschirmsprünge in Thalmässing erfolgreich ab.

Prüfung auf »Lufttüchtigkeit«

Einen Monat später fing er als Fallschirmtechniker an. In erster Linie prüft der Bischofswieser die Fallschirme auf deren Lufttüchtigkeit. »Ich muss die Schirme instand setzen, damit die Leistung nicht verloren geht«, so der 22-Jährige. Unter anderem führt er Wartungsarbeiten an Rundkappensystemen – Fallschirme für das Militär – durch.

Unverzichtbar in seinem Beruf ist der Umgang mit der Nähmaschine. Diese Arbeit muss er mit unterschiedlichen Apparaten beherrschen. »Das kann eine kleine Maschine für dünnes Fallschirmgewebe oder eine große Sattlermaschine, mit der das schwere Gurtwerk vernäht wird, sein«, sagt Schöddert. Die Lehre zum Fallschirmtechniker hat der 22-Jährige erst kürzlich abgeschlossen. Derzeit bildet er sich im kaufmännischen Segment fort, um später die Leitung des Sportbereichs bei »Paratec« übernehmen zu können.

Pro Saison macht der Bischofswieser um die 300 Fallschirmsprünge. Schon jetzt hat er 1 200 Freifälle absolviert. Das reicht ihm aber nicht. Sein großes Lebensziel: »Ich will die 15.000 knacken.«

Patrick Vietze