Vom Schnapsbrenner zum Almdorf-Hüter

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Hubert Ilsanker steht nun öfter mal an der Rezeption.
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Das Almdorf Vorderbrand wurde erst vor Kurzem eröffnet. (Fotos: Kilian Pfeiffer)

Schönau am Königssee – Einst war Hubert »Hubsi« Ilsanker TV-bekannt. Er war Wurzngraber, Enzian-Schnapsbrenner und Herr über sechs Brennhütten in den Berchtesgadener Alpen. Heute sind es sechs Almhütten im Almdorf Vorderbrand. Er hat einen Gang zurückgeschaltet. Was sich aber nicht verändert hat, ist das Beingewand: »Mich gibt's nur in der Lederhose.«


Fast fünf Jahre Jahre ist es her, da kündigte Hubsi Ilsanker an, als »Bergbrenner« aufzuhören. Hubert Ilsanker war das Aushängeschild für die örtliche Schnapsbrennerei. Das Wurzngraben war sein Leben. Im Fernsehen war er gern gesehen: das lockere Mundwerk, der bairische Dialekt, die Gschichtln.

»Die Zeit war schön«

Ein Vierteljahrhundert grub er nahe dem Watzmann und oberhalb des Königssees nach Wurzeln, brannte in einer Hütte am Funtensee einen erdig-bitteren Schnaps. Die Berufsbeschreibung: einmalig selten. Einen zweiten Hubsi gab es nicht. Die TV-Stationen gierten nach den Bildern, die das Handwerk mit sich brachte. Ein Mann in Lederhose, Spitzhacke in der Hand, gewaltiges Bergpanorama. Damit wurde er bekannt.

»Die Zeit war schön, ich habe viel erlebt«, sagt Hubert Ilsanker rückblickend. Hubsi ging unter die Buchautoren – obwohl er selbst kaum Bücher liest – schrieb: »Der Bergbrenner«. 336 Seiten, ein »Langsamlesebuch«. Ein amüsanter Rückblick auf Vergangenes, in seiner typischer Redensart.

Das Buch liegt auch im Almdorf aus, dort, wo der 51-jährige gelernte Zimmerer heute arbeitet. Denn nach 25 Jahren war Schluss mit der Bergbrennerei, die Jahre droben am Berg, fern von der Familie, waren gezählt. Bereut hat der einstige Bergbrenner seine Entscheidung zwar nie. Doch die prägende Zeit von damals verfolgt ihn bis ins Jetzt.

Hubsi sitzt im Eingangsbereich des Almdorfes Vorderbrand, seine Gäste duzt er: »Auf über 1 000 Metern heißt es einfach ›Du‹«, sagt der Schönauer. Das Almdorf ist erst vor wenigen Wochen eröffnet worden. Gebaut hat es Zimmerer Wolfgang Aschauer, Hubsis Chef, der bis vor ein paar Jahren noch im Gemeinderat saß. Aschauers Almdorf stand im Fokus der Öffentlichkeit, weil hier viel grüne Wiese verbaut wurde. »Wir sind ein Tourismusort, leben davon – der Tourismus muss sich sinnvoll weiterentwickeln können«, sagt Wolfgang Aschauer.

Jacuzzi auf der Sonnenterrasse

Der Handwerker hat viel Geld in die Hand genommen, um das Almdorf Wirklichkeit werden zu lassen. Vom ersten Gedanken bis zur Genehmigung vergingen vier lange Jahre. Urig sollte es sein, aber modern, sagt Aschauer. Almcharakter, alles aus heimischem Holz in exponierter Lage, ein bisschen Luxus auf 50 bis 60 Quadratmetern, für die, die das Geld im normalen Leben, aber nicht die Aussicht haben – Jacuzzi auf der Sonnenterrasse inklusive. Drüben weiden die Schafe, drunten tanken die E-Mobile der Urlauber Strom aus der Steckdose. Aschauer hat Ausgleichsflächen geschaffen, Bäume gepflanzt, in jeder Almhütte findet sich ein Display mit Stromverbrauchszähler. »Mein Anspruch ist die Nachhaltigkeit, mein Ziel, klimaneutral zu sein«, sagt er. Seit das Almdorf fertiggestellt wurde, sind die kritischen Stimmen verstummt.

Hubert Ilsanker ist mit Wolfgang Aschauer schon seit Ewigkeiten befreundet. »Mei, wie lange kennen wir uns eigentlich schon?«, fragt Aschauer. Der ratlose Blick kreuzt jenen des Ex-Bergbrenners. Tatsächlich sind es 40 Jahre. Aschauer hat Ilsanker nach dessen Ausscheiden als Bergbrenner angestellt: als Zimmerer. »Ich hatte 30 Jahre lang nicht mehr als Zimmerer gearbeitet«, sagt Hubsi. Er machte den Lkw-Führerschein, das war Voraussetzung, lieferte Holz zur Baustelle, deckte Dächer neu, half seinen Kollegen, die meisten deutlich jünger als er. Hubert Ilsanker war nun nicht mehr der einsame, nach Wurzeln grabende Alleinunterhalter in der fernen Brennhütte am Funtensee, sondern geforderter Teamspieler. »Natürlich musste ich mich daran erst mal gewöhnen«, sagt er.

Hubert Ilsanker war in die Planungen des Almdorfes von Anfang an eingebunden. »Ich hab immer gesagt: Wenn wir damit fertig sind, soll der Hubert das Dorf schmeißen«, sagt Wolfgang Aschauer. Ilsanker lächelt. Er hat sich in den vergangenen Monaten mit dem PC versöhnt.

»Mädchen für alles«

Denn am Computer arbeiten musste er selten. Heute gehört dies zum Arbeitsalltag. Hubsi Ilsanker hat ein Diensthandy, sitzt im schicken Almdorf-Foyer neben dem »Mini-Hofladen« – regionale Produkte gibt es hier. »Für die, die ankommen, damit sie was zum Essen haben«, sagt Ilsanker mit einem Grinsen. Urlauber führt er durch das Dörfchen am Berg, erklärt die Besonderheiten. Zum Almdorf gehört eine verpachtete Gaststätte, eine kleine Kapelle. Hubsi ist »das Mädchen für alles«. In dieser Rolle fühlt er sich nicht unwohl. Noch immer wird er von Gästen erkannt. Er sei ja auch lange »im Geschäft« gewesen. Das Gesicht des ehemaligen Bergbrenners hat sich nachhaltig eingeprägt.

Die lockeren Unterhaltungen mit den Gästen bereiten Hubsi jede Menge Spaß. »Wieder mal ein Traumjob«, sagt er. Früher seien es sechs alte Hütten gewesen, die er am Funtensee, auf der Kallbrunnalm und etwa am Priesberg bewirtschaftete, heute sind es sechs neue Almkaser am Vorderbrand – mit Blick auf den Jenner und die umliegenden Berge. Der Arbeitsplatz ist weit droben, unten liegt das Tal. Der Unterschied: Am Abend kann Hubsi nach Hause fahren.

Was sich nicht verändert hat: Hubsi ist weiterhin begeisterter Musikant, singt und spielt beim Oxn-Aug'n-Trio. Sein Notizbüchlein hat er auch dabei. Anekdoten notiert er sich fleißig. Es könnte das Material für sein zweites Buch sein. »Ich hätte Lust drauf.«

Dann ruft die Arbeit: Raus aus der Lederhose, rein ins »Grasgwand«. Hubsi muss jetzt nicht nach Wurzeln graben, sondern Gras mähen. Denn später kommen die nächsten Gäste an.

Kilian Pfeiffer