weather-image
14°

»Vom Traum, alles hinter sich zu lassen«

1.0
1.0
Bildtext einblenden
»Vom Traum, alles hinter sich zu lassen« heißt die Skulptur des Unterwössner Holzbildhauers Andreas Kuhnlein in der Münchner St.-Josephs-Kirche. (Foto: Flug)

Die Zeit hat sein Thema überrannt: »Vom Traum, alles hinter sich zu lassen« heißt die Skulptur des Unterwössner Holzbildhauers Andreas Kuhnlein.


In fünf Metern Höhe hängt in der St.-Joseph-Kirche am Josephsplatz in der Maxvorstadt in München die Skulptur eines Mannes an der Wand. Der Holzbildhauer schnitt sie in der für ihn typischen Arbeitsweise mit der Motorsäge aus einem Ulmenstamm. Die Corona-Krise verändert den Blickwinkel auf diese Installation.

Anzeige

Obwohl in Schrittstellung, verharrt der Mann dort oben. Seine Arme schwingen nicht. Seine zerrissene Oberfläche steht für die Zerrissenheit des Menschen in seiner Entscheidung. Soll er den nächsten Schritt gehen? Die Frage drängt sich auf. Wohin verweist das Bild, das wie eine offene Tür vor ihm steht. Der Mann sieht auf das weite, einladende Blau des unendlichen Himmels hinter dieser Tür. Leichte Wolken verweht der Wind.

Als der Unterwössner Andreas Kuhnlein die Skulptur im Januar errichtete, dachte noch niemand an die Corona-Pandemie und die Zeit, in der so viele träumen, alles hinter sich zu lassen: Die Langeweile, die Enge. Wäre es nicht schön, mit einem Schritt in dieses reine Blau alles zu vergessen, die Sorgen um Gesundheit, Auskommen und Existenz? Unbeschwert einen Neuanfang zu wagen? Warum zögert der Mann?

Es lohnt, darüber nachzudenken. Wo stehe ich jetzt, wo will ich hin? Wie sollte die Welt nach Corona aussehen? Etwa wie die alte, mit ihren Sorgen um Umwelt und gesellschaftliche Probleme? Oder sollte der Schritt in eine neue, andere, bessere Welt führen? Wie müsste die aussehen, dass ich den Schritt wage?

Andreas Kuhnlein lacht, wenn er über diese Gedanken liest. Noch vor einem Jahr, als die Skulptur entstand, bewegten ihn andere Gedanken. »In meinen Ausstellungen und im Alltag begegnen mir Menschen, die mit sich und ihrem Lebensweg hadern. Hätten Sie nicht früh eingetretene Spuren verlassen sollen? Das fragen sie vor allem, wenn sie in den Ausstellungen erfahren, dass ich meinen vorgegebenen Weg verließ, um mich der Bildhauerei zu widmen. Oft fehlen ihnen bereits die Alternativen oder sie sehen sie nicht. So bleibt das andere Leben ein Traum. »Dabei ist das doch eine so existenzielle Frage, wie ich mich verwirkliche«, wertet der Holzbildhauer, »eine Frage, die sich gerade auch in den Momenten der Besinnung auf sich in der Kirche stellt.«

Habe ich den Mut mich anders zu verwirklichen? Die Frage stelle sich in einer Kirche noch anders, sieht Andreas Kuhnlein. Wenn sich die Kirche als Institution seit langem mit großen Problemen auseinandersetzt, wünschen sich Mitarbeiter wie Gläubige, das alles hinter sich zu lassen.

Warum ist die Skulptur so hoch in der Kirche angebracht, am Boden wäre sie leichter zu betrachten, fragen wir Andreas Kuhnlein. »Die Distanz ist mit Bedacht gewählt«, so Kuhnlein. »Sie symbolisiert die Kluft zwischen Realität und Traum und die Hindernisse, die es zu überwinden gilt. Ich denke, diese Erfahrung habe nicht nur ich gemacht«. Nach den bisherigen Planungen hängt die Skulptur noch bis Juni in der Kirche. Mitte Juni plant Kuhnlein eine große Ausstellung im Schloss Bruchsal.

Auf über 100 Einzelausstellungen in zahlreichen Ländern kann der Unterwössner Holzbildhauer inzwischen zurückblicken. Dabei verlief sein Lebensweg zunächst anders. 1953 Uhr in Unterwössen geboren, arbeitete er nach Schreinerlehre und Gesellenjahren beim Bundesgrenzschutz. Er erlebte in den siebziger Jahren die Terrorbekämpfung unmittelbar mit. Seine Vorgesetzten setzten ihn auch an der innerdeutschen Grenze ein. Als Kuhnlein 1981 aus dem Polizeidienst ausschied, arbeitete er anschließend in der Landwirtschaft. Seit 1983 ist er als freischaffender Bildhauer auf dem Hof am Lindenbichl in Kruchenhausen überaus erfolgreich.

Für dieses Jahr freut er sich, im Oktober sein 140-teiliges Narrenschiff im Schafhof, Freising, dem Europäischen Künstlerhaus Oberbayern, auszustellen. »Bis dahin will ich noch einige neue Werke schaffen und einbinden«, plant Kuhnlein. Ludwig Flug