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Von der Notwendigkeit und Wohltat des Ausmistens

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Alfred Mittermeier erwies sich als Meister in der fantasievollen Wortstellung des politischen Gedichts. (Foto: Ortner)

Ausmisten ist eine Tätigkeit, die dann und wann nötig und wichtig ist. Egal ob Schrank, Speicher, Wohnung, dunkle und staubige Ecken im Leben oder im Saustall der Politik. Just da sieht Alfred Mittermeier in seinem neuen Kabarettprogramm den größten Bedarf im Allgemeinen. Und in logischer Folge im Geschäft mit der Angst im Besonderen.


Angst lähmt, engt den Blickwinkel ein und erschwert das klare Denken. Und nicht selten beeinträchtigt die Angst das Erkennen von richtig und falsch, Wahrheit und Lüge, Möglichkeiten und Hindernissen, Vernunft und Widersinn. Wortgewandt und schlitzohrig nimmt Alfred Mittermeier die Politik, öffentliches Leben, Religion und Historie auf die Schippe und haut sie anschließend genüsslich in die Pfanne und serviert sein mit spitzer Zunge gekostetes Süppchen dem Publikum auf dem nicht immer, aber immer öfter sprachgewaltigen Silbertablett. Dabei scheut er auch nicht davor, das Paradies besenrein zu machen, denn überflüssiges Gerümpel, Sünde und Unrat sind so alt wie die Menschheit.

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Mittermeier entpuppt sich als Meister in der fantasievollen Wortstellung des politischen Gedichts und hat offensichtlich auch einen Doktortitel in süffisanter vergleichender Geschichte in der Tasche. Demokratisch oder nicht, reich oder arm, Politiker oder Chef, früher oder heute – die Historie zeigt: Der Mensch ist halt der Mensch. Die Mittermeiersche Doktorarbeit räumt mit Missverständnissen auf und schafft Klarheit und Verständnis.

Etwa am Beispiel Bayern: Ganz Deutschland wird von Angela Merkel regiert. Ganz Deutschland? Mitnichten! Ganz unten im Südosten lehnt sich Seehoferix auf gegen Berlin, den Länderfinanzausgleich und überhaupt gegen alles. Abspaltungsgedankliche Abgründe tun sich auf. Immerhin hat Bayern alles, was es zu einem souveränen Staat braucht: Hymne, Fahne, Verfassung, blau-weißen Kitsch-Himmel. Eben alles, außer einem Grundgesetz, was allerdings auch kein Problem wäre, denn mit drei Paragrafen wäre das durchaus getan. »Die Abspaltung wäre ein guter Ansatz zur Bayerischen Selbstausmistung«, witzelt Mittermeier boshaft und spinnt eine herrlich abstruse Mär von einem unabhängigen Bayern.

Doch auch im Paradies ist die Sache mit der Selbstausmistung irgendwie schief gegangen, und das nicht nur, weil der Betriebsrat dort offensichtlich von einer Frau angeführt wurde. DIE Schlange! Welche übrigens die Bewohner des Garten Edens überzeugte, dass Auflehnung und Protest eine gute Sache sind. Diese wiederum das Paradies verließen und sich einen besseren Platz zum Leben suchten. Woraufhin das leer gefegte Paradies verstaubte, verwilderte und zu stinken anfing. Eine ausgezeichnete Metapher. In beiden Fällen wurde der Baum der Erkenntnis weggeschnitten. Der gesunde Menschenverstand: abgeschafft.

Genüsslich legt Alfred Mittermeier oft gleich mehrere Finger in die Wunden und rührt ein kleines bisschen boshaft darin um. Meisterhaft tut er das. Mit spitzer Zunge und messerscharfem Verstand. Doch statt des lehrmeisterhaft erhobenen Zeigefingers spielt er sich lieber mit herrlich-abstrusen Wortkaskaden und hinterkünftig ausgeprägtem, wandlungsfähigem Sprachwitz, der manche ausgeklügelte Pointe erst mit leichter Verzögerung in die Gehirnwindungen des Publikums schraubt.

Historische Tatsachen und Begebenheiten, süffisant und liebevoll haarsträubend, zweckdienlich für seine Bedürfnisse aufbereitet, aber deshalb nicht weniger wahr und von außen betrachtet auch nicht weniger abstrakt. Themen gibt es genug. Extreme – links und rechts, aber auch in der Mitte –, Bargeldabschaffung, Burka, Transparenz, Landwirtschaft und EU und immer wieder: Bayern.

Alles aktuelle Themen. Und alle nicht neu, gewiss. Und doch sind sie es mehr als wert, sie auch mal durch die kabarettistisch-satirische Brille von Alfred Mittermeier zu sehen. Einen Blick, den bisweilen etwas getrübten und fleckigen Spiegel der Gesellschaft zu wagen, und die Vergleiche auszuhalten. Der Preis dafür? Lachtränen, Bauchmuskelkater und als Belohnung vielleicht ein Achterl wortgewaltigen Humors und doch ein kleiner Bissen vom Baum der Erkenntnis.

Und die Moral von der Geschichte: Zusammenhalten und aufeinander schauen. Rechts außen ist auf der Autobahn der Pannenstreifen, und es gibt kein Problem, das man mit Hass und Angst lösen kann. Wenn alle satt sind, dann hungert der Extremismus. Maria Ortner