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Von gestohlenen Hits und Bierkuren

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»Dee Vier« begeisterten in der Kulturfabrik NUTS. (Foto: Ortner)

»Dee Vier« bezeichnen sich selbst als »wahrscheinlich letzter Stammtisch Niederbayerns«. Ob sie es sind? Möglich. Auf jeden Fall aber gilt: Sollte es noch weitere geben, können diese die Einmaligkeit des Quartetts mit Sicherheit nicht toppen.


Gemeinsamer Treffpunkt ist das Untergeschoß des Kellerwirts von Engertsham, fast an der Grenze zu Österreich. In der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS durften die Besucher jetzt ausgiebig an den Geschichten und Erfahrungen der niederbayerischen Stammtischrocker teilhaben.

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Inforunde: Was sind die fünf wichtigsten Themen am Stammtisch? Man möchte es nicht glauben, aber Hauptthema ist die Körperpflege. Vor allem jene, die der überaus reinliche Mann »regelmäßig von innen« durchführt. Das innere Waschen mit viel Bier, das Krankheit und jegliches Unheil fernhält. Als Themen folgen Frauen vor Autos, Politik und gaanz wenig Fußball.

Vorstellungsrunde: Der Steffelbauer Lois (Max Peter Lehner aus Fürstenzell, Gitarre und Gesang), seines Zeichens »Kompositeur« sämtlicher Hits, bevor sie ihm die Stars gestohlen haben und damit reich geworden sind. Er ist Pensionist und stolzer Austragler-Landwirt, dem zwei Dinge besonders am Herzen liegen: sein museumsreifer 123er Diesel-Mercedes mit seinerzeitiger Luxusausstattung und seine »Mutti«, seine geliebte Frau, die immer über ihn wacht und stets rechtzeitig nach Hause holt – bevor was passiert.

Der Haarstamm Wick (Bassist Richard Kopp aus Viechtach) ist der Womanizer im Team. Ob das an seiner philosophischen Ader liegt oder einfach daran, dass er ein Frauenversteher ist, der zudem gerne in die Disco geht, bleibt sein Geheimnis. Ebenso der Grund, warum sein Führerschein schon länger seine Zelte im Landratsamt aufgeschlagen hat. Auffällig ist bei ihm die ungewöhnliche Berufswahl. Er ist Totengräber, liebt die Friedhofsruhe und vor allem auch, dass er hier als »kommunaler Tiefbauingenieur« stets das letzte Wort hat.

Der Christbam Schlexe (Sänger und Mänädscher der Band, Stefan Kriszt aus Waldkirchen) ist ein richtig smarter Typ. Markenzeichen: viel Pomade im Haar und zu jeder Tageszeit mit cooler Beschattungsanlage auf den wertvollen und superwachen Äugerln. Seines Zeichens weltgewandter Waidler-Jet-Set-Insider und Dauer-Bürgermeister-Kandidat mit Volldurchblick. Immer auf dem Karrieresprung – fast! Und darum auch kein Mann für eine Nacht, weil so lange hat er gar nicht Zeit.

Und dann ist da noch der der Jodlbauer Sepp (Christian Pfefferkorn aus Söldenau), der Schlagwerker mit der eigenwilligen Dauerrauhstimme und seinem ganzen Stolz, dem luxusausgestatteten Schlüter-Bulldog, mit dem er gerne seine Groupies chauffiert. Ähmja, wenn’s welche gibt.

Ihr Humor ist, ganz der niederbayerischen Tradition verpflichtet, eher etwas rustikalerer Natur. Da wird auch nicht lange herumgeredet, sondern die Dinge beim Namen genannt. Es wird dem Volk aufs »Maul« g'schaut« und dabei auch kein Klischee ausgelassen.

Ganz, ganz großes Kino – und das darf auf keinen Fall vergessen und unerwähnt bleiben – ist die musikalisch-virtuose Darbietung der vier Mannsbilder. Sie sind nicht nur hervorragende Kabarettisten und Teilzeitschauspieler, sondern auch ganz ausgezeichnete Musikanten, vor allem Rock’n’Roller. Auch wenn der Steffelbauer Lois nicht müde wird, seine Kollegen darauf hinzuweisen, dass das Motto des Abends »Walzer und Polka« lautet, rutschen sie immer wieder »aus Versehen« in die Rock-, Pop- und Hardrockecke, wo sie sich offenkundig am wohlsten, also daheim, fühlen, und einmal quer durch die Top-Charts des letzten Jahrhunderts brettern.

Der ganz besondere Clou dabei sind die witzig-fantasievoll-kuriosen, lauttechnisch und sprachlich angepassten Wortschöpfungen, auf bairisch genannt »Kompostierungen« des Stammtischpapas Lois. Da wird dann ganz schnell aus »November Rain« der Hit »Bärbel renn«. Stings »So Lonely« hoaßt dann (I mog koan) »Salad net«. Aus »Venus« wird der Fußball-Stadion-taugliche Refrain »Des geht net! Herr Richter, des geht net. I bin da Hoeneß und i zoi koa Steia«. Nach einem äußerst unterhaltsamen Abend gibt es zum Schluss aber doch ein deutliches Zeichen zum Heimgehen, wenn aus dem Hit von Mark Bolan & T. Rex »Hot Love« der Rausschmeißer »Mei Bia is laa laa laa laa« wird.

Maria Ortner

Italian Trulli