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Von Höllenhunden und Chrystenmenschen

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Axel Meinhardt (von links) verführt als »Widergeist« Clemens Ansorg. Walter Sachers muss sich als Vater und als Wirt mit dem selbstbewussten Jungen herumschlagen. (Foto: Löffelberger)

Im Gegensatz zu den meisten einschlägigen Aktionen im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Offener Himmel« der Erzdiözese Salzburg, von dem herab es sonst laientheologisch-sanfte Tautropfen rieselt, wird in der Kollegienkirche geschrien und krakeelt, dass es eine Wonne ist.


Gesungen wird natürlich auch, und das Besinnliche darf bei einem Mysterienspiel sowieso nicht fehlen, ebenso wenig wie die Personifikation des Bösen, ein eleganter Engel oder ein temperamentvoller Spielansager und Moral-von-der-Geschicht-Verkünder. Im »Salzburger Spiel vom verlorenen Sohn«, vom Landestheater in der Kollegienkirche uraufgeführt, ist also alles da, was die künstlerische Kreuzgang- und Kirchenbespielung in der heilen Welt des bayerisch-salzburgischen Volksbarock so recht heimelig macht. Dem Stück mit genuin eingeschriebenem Retro-Charme darf man zwischen Würzburg und Bischofshofen viele Produktionen vorhersagen.

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Der 84-jährige Hellmuth Matiasek, vor Urzeiten in Salzburg Theaterintendant, 1983 bis 1996 Gärtnertortheater-Chef in München, ist also in die eschatologische Phase eingetreten. Aus »wieder gefundenen, alten Quellen aus dem XVI. Jahrhundert« hat er dieses Mysterienspiel »neu geschrieben«: Er verlegte die biblische Geschichte in die Zeit der Salzburger Bauernkriege. Der vom »Widergeist/Spitzbuben« verleitete jüngere Sohn verprasst sein Geld nicht nur mit leichten Mädchen, er schließt sich als Bankrotteur auch noch den Sympathisanten von Thomas Müntzer an, setzt damit aufs falsche Pferd. Da kann man nun wirklich katholisch werden und als geläuterter Sohn wieder heimkehren.

Matiasek hat also bearbeitet, ergänzt, eingefügt. Christen sind zu »Chrystenmenschen« geworden und der Tod zum »Todt«. Letzterer als geigenspielende »Schöne Frau« (Julienne Pfeil). Der verlorene Sohn ist Clemens Ansorg, sein Verführer Axel Meinhardt als »Widergeist«. Walter Sachers muss sich als Vater und als Wirt mit dem selbstbewussten Jungen herumschlagen und Sascha Oskar Weis hat als Spielmacher viele Möglichkeiten, mit großer Geste Schwung rein zu bringen.

Der verlorene Sohn geht nicht nur dem Vater flöten, sondern auch der ihn liebenden Magd, die ihm in einigen harfenbegleiteten Gesangsnummern nachtrauert. Eine schöne Rolle für Ayse Senogul.

Immer wieder fragt man sich, ob dieser denn doch sehr schlichte Text im Laienspielbereich nicht besser aufgehoben wäre als im professionellen Theater, wo das Gefälle zwischen Inhalt und Umsetzung problematisch groß ist.

Der musikalische Anspruch der Komposition von Wilfried Hiller, einem der Altmeister der angewandten Tonkunst, spricht letztlich dagegen. Da braucht es schon gute Musiker an Geige, Harfe, Violine und Schlagwerk, und auch der Chorpart will bewältigt sein. Der stolze hundertzehn Kehlen starke »Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor« unter der Leitung von Wolfgang Götz kann sich bewähren und ist auch maßvoll in die Szene eingebunden. Die Regie von Michael Bleiziffer stützt passgenau die hehren katechetischen Absichten.

Im Schlusschoral wird den Zuschauern versichert, dass der »Höllenhund« auf diesem »heylgen Grund« zwar »wüthe«, aber wenig ausrichte. »Aber schändlich muss vergehn, / was er selber dichtet.« Drücken wir die Daumen, dass der Höllenhund nicht zum Schutzpatron alternder Theaterdichter wird.

Weitere Aufführungen gibt es heute, Dienstag, und am 11. Oktober. Reinhard Kriechbaum