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Von Miss World zu »Miss-Erfolg«

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Urban Priol zeigte sich in Bad Reichenhall wortgewaltig, spritzig und als Meister der Satire. (Foto: Janoschka)

»Das ist die Seuche dieser Zeit. Verrückte führen Blinde,« mit diesem Motto-Satz aus William Shakespeares »King Lear« beschloss der Hochkaräter der deutschen Kabarettszene, Urban Priol, mit seiner charakteristischen Sturmfrisur sein Feuerwerk der Satire. Im Kurgastzentrum Bad Reichenhall hatte er zuvor eine Bombe nach der anderen gezündet. Das Publikum war ganz auf seiner Seite. Urban Priol sprach vielen aus dem Herzen und erhielt entsprechenden Zwischenapplaus.


Als Meister des Imitierens bewegte sich Urban Priol wie Angela Merkel, sprach wie Franz Beckenbauer, Till Schweiger oder Volker Kauder oder lachte wie Gerhard Schröder. Auch Dialekte beherrscht er authentisch. Typische Gesten, Sprechweisen und Inhalte politischen Handelns entfalteten sich zwischen den zwei Tischen auf der Bühne: Auf dem einen ein Glas Weißbier, auf dem anderen sein Tablet, mit Hilfe dessen er sich noch kurz vor Beginn der Veranstaltung darüber informiert hatte, »was man in der Öffentlichkeit noch sagen darf.« Nach der Böhmermann-Affäre war die Frage »Was darf Satire?« natürlich äußerst aktuell.

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Ein anderes Hauptthema war die Flüchtlingsproblematik »mit Moses als dem ersten Schleuser« und der Antwort auf die Frage, warum die Burka kein Grund für Ablehnung von Migranten sei: »Die haben da drunter viel Geld versteckt.« Die Flüchtlingsfrage habe zudem unangenehmere Themen überdeckt, wozu es sonst eine Fussball-Welt- oder Europameisterschaft brauche: die Panama-Papers zum Beispiel. Den wahren Wirtschaftsflüchtlingen dieser Art wünschte Priol im Schlauchboot ein Geleit von sieben weißen Haien. Andererseits wunderte sich der Satiriker über die nachträgliche Entrüstung über die Briefkastenfirmen – die gebe es doch bekanntermaßen auch massenweise in den Niederlanden.

Das Freihandelsabkommen verband Urban Priol mit einem Seitenhieb gegen Sigmar Gabriel als »Dick und Doof in einer Person«. Assoziativ von einem Begriff zum nächsten hüpfend, deckte er mehr oder weniger offensichtliche Missstände auf. Nach dem Motto »seichter Witz zum Einstieg – ernsthafte Schlussfolgerung« kam Urban Priol auf die Forderung mancher Politiker, die Gesetze zu verschärfen und streifte den ausgeglichenen Haushalt mit der »schwarzen Null«, der wichtiger sei als die innere Sicherheit. Da bekam Thomas de Maizière sein Fett weg: Mit seiner »Ich weiß-von-nichts-App« sei er »zu allem fähig, aber zu nichts zu gebrauchen.«

Die Kanzlerin, sonst kalt und wissenschaftlich, »öffnete im Herbst ein Zeitfenster der Menschlichkeit« und sagte: »Wir können die Flüchtlinge nicht so hängen lassen, sonst kommt der Orban und hängt sie.« Als ihr Ansehen daraufhin schrumpfte und sogar er, Priol, sie verteidigen musste, sodass er hart am »Borderline-Syndrom« vorbeiging, verschärfte sie das Asylrecht und »wanzte« sich an die Türkei an – sie mutierte von Miss World zu Miss Europa und zu »Miss-Erfolg«.

Nun werde im Auftrag der EU mit Erdogan »ein Kettenhund zum Türsteher der Wertegemeinschaft.« Als Bestätigung brachte Priol Beispiele für die Verletzung der Menschenrechte in der Türkei. Er bewegte sich geschickt zwischen kabarettistischer Übertreibungskunst und sachlicher Kritik durch Fakten und Zahlen. Und schon war er beim Paragrafen 103, dem »brandaktuellen Paragrafen aus der Kaiserzeit«.

»Das ist saublöd, weil ich gern etwas über Erdogan gesagt hätte. Diese anatolische Rotzschleuder zieht uns am Nasenring durch die Manege. Aber das darf ich nicht sagen«, erklärte Urban Priol.

Neben Angela Merkel waren auch andere Frauen in der Politik Ziel des Spotts, wie Hillary Clinton oder Johanna Mikl-Leitner, die »oide Bissguarn«. Nichts fehlte: Weder der Abgasskandal, noch die Waffenlieferungen nach Saudi-Arabien, weder der »vom Altersstarrsinn gezeichnete Schäuble mit seinem Safety Car«, noch »der kleine, fette, ungezogene Bub in Nordkorea« und der »Dicke«, nämlich Helmut Kohl, »mit dem er angefangen hat, Kabarett zu machen«, und auch nicht Papst Franziskus und sein »Schlagen in Würde«. Zwei Päpste, »vier Fäuste für ein Halleluja«?

Der wahnsinnige König Lear – nach Priols Kabarett wird einem klar: Es ist schon etwas dran an dem Zitat aus dieser Tragödie. Brigitte Janoschka

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