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Vor dem Vergessen bewahren

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Schüler des Gymnasiums Berchtesgaden rekonstruierten das Leben von Kriegsopfern. Die Ergebnisse können auf den Tafeln nachgelesen werden. (Foto: Vietze)

Schönau am Königssee – Oft kommen sie zu kurz, die Geschichten von Kriegsopfern wie Kurt Schmidt, Gustav Kastner-Kirdorf und Johann Lhotzky. Deshalb erarbeitete Maximilian Fügen, Bildungsreferent des Lehrverbandes Bayern im Volksbund, in Kooperation mit dem Gymnasium Berchtesgaden, Geschichts- und Erinnerungstafeln für die Kriegsgräberstätte Schönau am Königssee. Vor knapp 50 Anwesenden enthüllten Berchtesgadens Bürgermeister Franz Rasp und die Dritte Bürgermeisterin aus Schönau am Königssee, Elisabeth Rasp, die Tafeln.


Das Vorhaben konzipierte Fügen im Januar letzten Jahres. Studienreferendarin Agnes Zauner leitete das Projekt. Anfangs schien Fügen skeptisch: »Das Referendariat im Schuldienst ist eine unwahrscheinlich fordernde und anstrengende Zeit«, so Fügen. Seine Zweifel legten sich aber nach dem ersten Treffen schnell. Zauner habe mit ihren Schülern großes Engagement gezeigt.

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Mit größter Gewissenhaftigkeit recherchierten sie in Archiven und werteten Literatur aus. Das vorgelegte Ergebnis sei inhaltlich wie formulierungstechnisch so mustergültig gewesen, dass die redaktionelle Überarbeitung eine leichte Aufgabe gewesen sei.

»Eine besondere Auszeichnung eurer Leistung ist, dass sogar Angehörige der Kriegstoten von weither gekommen sind«, lobte Fügen. Die Arbeit der Schüler würde dazu beitragen, dass die Opfer nicht vergessen werden.

Kritik am Unterrichtsfach Geschichte

Auch für den ersten Vorsitzenden des Freisinger Kreiskrieger- und Soldatenvereins, Otto Radlmeier, nimmt das Andenken einen besonderen Stellenwert ein.

Der Geschichtsunterricht wurde im Jahr 2015 stark kritisiert, denn er hätte sich nur sehr rudimentär mit der jüngeren Zeitgeschichte befasst. »Die Welt« hätte in einem Artikel veröffentlicht, dass in der Oberstufe die Themenbereiche »Hitlers Außenpolitik«, »der Erste und Zweite Weltkrieg« sowie die »Novemberrevolution« bayernweit fehlen würden. Ursachen, Verlauf und Folgen des Krieges würden keine Rolle mehr spielen. »Das erschwert den Schülern, Zusammenhänge zwischen früher und heute herzustellen und Lehren aus der Geschichte zu ziehen«, so Radlmeier.

Deshalb freute es ihn besonders, dass sich Schüler des Gymnasiums Berchtesgaden am Beispiel des Verstorbenen Kurt Schmidt überregional mit Geschichte beschäftigt hätten. »Sie haben Geschichte für sich und nicht zuletzt mit den Erinnerungstafeln auch für andere greifbar gemacht«, sagte er.

Rudolf Schaupp, stellvertretender Landrat und Kreisvorsitzender des Volksbundes, erklärte die Funktionen solcher Kriegsgräberstätten. Friedhöfe geben den Menschen Gelegenheiten, die Erinnerung an ihre Verstorbenen zu bewahren. Allerdings würde die Bedeutung zunehmend schwinden, denn fast 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hätten nur die wenigsten Menschen noch persönliche Verbindung zu den beigesetzten Soldaten.

Die Kriegsgräberstätte soll deshalb zwei Funktionen erfüllen: Zum einen soll sie die Erinnerung an das Geschehene wach halten. Zum anderen mahnt sie, denn Krieg und Gewalt dürften nicht von deutschem Boden ausgehen. Schaupp begrüßte die Auswahl der Schönauer Kriegsgräberstätte, »weil wir in Berchtesgaden mit dem Täterort Obersalzberg und Kehlstein bereits einen Lernort der Geschichte haben.« Die Kriegsgräberstätte sei eine wichtige Ergänzung.

»Mit Stolz auf die Tafel blicken«

Projektleiterin Agnes Zauner blickte mit Stolz auf die Tafeln. Die Schüler hätten sich mit den Folgen beider Weltkriege auseinandergesetzt, gefundene Informationen kritisch bewertet und vielfältige Lebensmotive entdeckt. Schüler Johannes Kerknak faszinierte die Ahnenforschung. »Wir konnten neue Einblicke in die Geschichtswissenschaften gewinnen«, sagt er. Dabei haben sie Datenbanksammlungen ausgewertet. Aus diesen Ergebnissen können sie Entstehungsgeschichte und Auswirkungen beider Weltkriege nachvollziehen. Sein persönlicher Höhepunkt war die Auseinandersetzung mit dem Schicksal der einzelner Opfer. »Jedes Opfer erzählt seine eigene Geschichte«, so Kerknak.

»Die Kriegsgräberstätte soll Kriegsopfer zusammenführen und an das Ereignis erinnern«, sagte der Schüler Peter Dutge. Seit 1956 besteht die Schönauer Anlage und gehört mit 937 Toten zu einer der größeren Anlagen in Bayern. Kriegsverstorbene aus ganz Bayern seien hierher umgebettet worden. Für ihn eigne sich die Kriegsgräberstätte besonders gut, da die Kapelle zusätzlich sakrale Bedeutung habe. Elisabeth Bruckmann berührten die Schicksalsschläge. Sie stellte fest, dass ein Drittel der Beigesetzten erst nach dem Krieg ums Leben kamen. Johann Lhotzky überlebte den Krieg, verstarb später aber an Tuberkulose im Krankenlager Bischofswiesen. »Er war ein Familienvater, der an den Kriegsfolgen starb«, sagte sie.

Bruckmann lernte aber auch, dass »nicht nur Opfer, sondern auch Täter begraben liegen.« Beispielsweise Gustav Kastner-Kirdorf, der von 1943 bis zu seinem Tod Chef des Amtes für Vollstreckungs- und Gnadensache der Luftwaffe war. Innerhalb eines Jahres verurteilte er mehr als 500 Angehörige der Luftwaffe zum Tode.

Franz Rasp und Elisabeth Rasp enthüllten die Geschichts- und Erinnerungstafeln. Im Anschluss gab es ein Totengedenken in der Kriegsgräberstätte, verlesen von Oberst Frank Thieser. Anwesende und Angehörige hatten die Möglichkeit, Blumen und Kränze auf den Kriegsgräbern niederzulegen. Patrick Vietze