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Zum zweiten Mal hat der Schönauer Gerhard Einsiedl die Hoffnung auf eine Spenderniere noch nicht aufgegeben

Warten auf ein neues Leben

Berchtesgaden – Durch dicke Plastikschläuche strömt das Blut von Gerhard Einsiedl. Die Niere des Schönauers ist kaputt. Dreimal die Woche muss er in die Nephrologische Praxis des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ) am Franziskanerplatz. Bis zu fünf Stunden liegt er dann auf einer Liege, schaut fern, liest. Hinter ihm rattert gemächlich die Maschine mit den dicken Schläuchen. Sie wäscht sein Blut, jagt es durch einen Filter. Er wartet auf eine Spenderniere, bereits die zweite. Ohne die Blutwäsche wäre Gerhard Einsiedl in wenigen Tagen tot.

Gerhard Einsiedls Niere ist kaputt. Sein Leben hängt an der Dialyse. (Fotos: Pfeiffer)

Heute ist er gut drauf. Ziemlich gut sogar. Er lacht viel, im Hintergrund läuft auf einem kleinen Monitor das Fernsehprogramm. Gerhard Einsiedl hat gerade das Frühstück bekommen. Es gibt Marmeladensemmeln. Der 56-Jährige kommt seit Langem in die Praxis ins MVZ zu Dr. Regine Hoika-Jacob. Die zahlreichen Liegen der Einrichtung sind an diesem Freitagmorgen fast alle besetzt. Sozusagen Blutwäsche im großen Stil. Ohne die maschinelle Säuberung des Blutes könnten die Patienten nicht lange überleben. Gemein haben sie alle: Die Niere arbeitet nicht mehr wie sie sollte. Das Blut wird nicht mehr entgiftet, der Körper nicht mehr ausreichend entwässert.

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Bei Gerhard Einsiedl ist das Nierenleiden schon seit Jahrzehnten bekannt. Bereits als Kind hatte er Probleme mit den Nieren. Als Sechsjähriger ereilte ihn eine Nierenentzündung, die schließlich chronisch wurde. Das eigentliche Leiden begann dann 30 Jahre später. Die Nierenfunktion war auf ein Minimum zurückgefahren, Wasser lagerte sich im Körper ein. »Schmerzen hatte ich aber keine«. Der Zeitpunkt war gekommen, wo es ohne Dialyse nicht mehr weiterging. Eine Hiobsbotschaft. Für Einsiedl brach eine Welt zusammen. Der begeisterte Sportler hatte Zukunftsängste, Angst vor der Transplantation, die ihm aber im besten Fall das Leben retten würde.

Hunderte Liter Blut

Er musste also an die Dialyse, Hämodialyse nennt sich dieses Blutreinigungsverfahren. Gewöhnlich fließen am Tag 1 400 Liter Blut durch die menschliche Niere. Voraussetzung: Sie ist gesund. Bei Gerhard Einsiedl hatte das Organ zu diesem Zeitpunkt aufgehört zu arbeiten. Bei der Dialyse wird weit weniger Blut gereinigt als durch die Niere: 400 Milliliter Blut pro Minute, bei einer Vier-Stunden-Sitzung macht das rund 100 Liter.

Ein kleiner Lichtblick war das Angebot seiner Schwester. 1998 war das. »Sie wollte mir eine ihrer Nieren geben.« Natürlich war dieses Angebot ein besonderes. Eines, das ihm das Leben retten konnte. Aber einfach so annehmen? Schwere Gewissensbisse plagten Einsiedl. Aber: Es war nun mal seine letzte Chance, wieder ein normales Leben zu führen. Ganz ohne Dialyse, ohne die ständigen Besuche einer nephrrologischen Praxis, ohne die ganzen Schläuche, ohne das Rattern und Summen der Blutreinigungsmaschine. Er nahm das Angebot also an. Die Voraussetzungen für eine Transplantation stimmten. Am 30. Juni 1998 war es soweit. Die Operation stand an, Klinikum München rechts der Isar. Die Operation verlief unproblematisch. Das Organ der Schwester wurde in seinen Körper transplantiert. Das Immunsystem: Medikamentös zurückgefahren, damit Abstoßungsreaktionen ausbleiben. Dennoch ging die Transplantation nicht ganz folgenlos an Gerhard Einsiedl vorüber. Der Körper versuchte zunächst, das neue Organ zu bekämpfen, die Nierenfunktion verschlechterte sich. Aber nur für einen kurzen Zeitraum.

»13 Jahre lang habe ich dann ein perfektes Leben geführt«, sagt der 56-Jährige rückblickend. Intensiv hat er an Marathons teilgenommen, Sport war generell seine große Leidenschaft. Mit dem Fahrrad nach Traunstein zur Arbeit fahren? Kein Problem für Einsiedl. Er arbeitet als Bauleiter im Staatlichen Bauamt Traunstein. Sich fit zu halten, das war sein großes Motto.

Jahrelang ging alles gut, die Niere bewerkstelligte ihre Aufgabe im fremden Körper. Doch dann verschlechterten sich die Werte erneut. »Das war ein sehr deprimierender Zeitpunkt«, verrät Einsiedl. Jene Niere, die ihm über eine lange Zeit viel Lebensfreude ermöglicht hatte, hatte 2011 wieder aufgehört zu arbeiten.

Zurück zur Dialyse

Einsiedls Blut musste also maschinell gereinigt werden. Zurück ins Dialysezentrum zu Dr. Hoika-Jacob. Meist kommt er nachmittags, nach der Arbeit. Dreimal die Woche. Er wartet erneut auf ein Spenderorgan, ist auf der Empfängerliste. Seine Ehefrau bot ihm ihre Niere an. Sie ließ sich typisieren. Soweit war alles in Ordnung. »Wir haben uns schon gefreut«, sagt Einsiedl. Dann der Rückschlag: Werte wurden verwechselt, die Niere der Ehefrau war doch nicht geeignet. Das Warten geht für Gerhard Einsiedl also weiter.

Sechs bis acht Jahre – so die Regel – müssen Nierenkranke warten, ehe sie ein Spenderorgan erhalten. Einsiedl wartet mittlerweile seit vier Jahren. Hinzu kommt: Die Spendenbereitschaft ist nach den ganzen Skandalen der letzten Jahre deutlich zurückgegangen. Trotzdem ist er zuversichtlich. Mit der Dialyse geht es ihm den Umständen entsprechend gut. Wenn da nicht die stetige Ungewissheit wäre. Kommt die Niere oder kommt sie nicht? Einsiedl bleibt Optimist: »Ein Nierenkranker kann wenigstens zurück an die Dialyse«, sagt er. »Das kann ein Herzkranker zumindest nicht.« Kilian Pfeiffer