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Silke Aichhorn verzauberte die Besucher beim letzten Konzert der Saison in der Schlechinger Streichenkirche

Was die Harfe alles kann

Silke Aichhorn beim konzentrierten Spiel in der Streichenkirche.

Der »Streichenletzt« dieses Jahres brachte endlich wieder die Traunsteiner Harfenistin Silke Aichhorn mit einem faszinierenden Soloabend ins Kircherl. Ihr Programm mit dem Titel »Harfenzauber«, ihr souveränes Spiel und ihre lockere Moderation krönten den wunderbaren Sonnentag zum Gesamtkunstwerk.


Der Frohmacher »Einzug der Königin von Saba« aus dem Oratorium »Salomon« von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759), festlich von der ersten Tonfolge an, war quasi der Einzug der Königin der Saiteninstrumente zu ihrem getreuen, erwartungsvollem Volk. Einem Mädchen, das man einfach gernhaben muss, ist die zweisätzige Sonate »The Lass of Richmond Hill« von Jan Ladislav Dussek (1760 bis 1812), der während seines England-Aufenthalts dort als Pianist und Harfenist hoch geachtet war, gewidmet. Im Allegro benahm sich die Kleine doch recht selbstbewusst, im Allegretto zeiget sie mehr ihre verspielte Seite.

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Dussek verfügte bereits über eine Doppelharfe, also ein Instrument, das über Pedale mit zwei Einrastmöglichkeiten verfügt. So konnte er seine Klavierkompositionen auf die Harfe übertragen und förderte damit ihre Beliebtheit und Verbreitung. Auch Silke Aichhorns erklärtes Ziel ist es, »das Image der Harfe neu zu definieren«. So lockert sie seit Jahren ihre Konzerte auf oder besser, sie vertieft sie mit einer lässigen, aber grundlegenden Einführung »in das Wesen einer Konzertharfe« mit ihren Möglichkeiten, aber auch ihren Ansprüchen an das Spiel auf ihr, zum Beispiel beim Pedalspiel.

Ein klingendes Beispiel dafür war »Die Forelle« von Franz Schubert (1797 bis 1828), deren Liedmelodie Erich Schubert (ein Gitarrenpädagoge der Gegenwart aus Bad Tölz, mit dem Komponisten nicht verwandt) mit raffinierten Variationen und zärtlichen Klangkaskaden umspielt hat. Mit »noch ein Wasserstück« kündigte Silke Aichhorn »Die Moldau« von Bedrich Smetana (1824 bis 1884) an, deren Charakterbilder Hanus Trnecek (1858 bis 1914) für die Harfe arrangiert hat.

Diese »Harfenfassung eines großen Orchesterstücks für acht Finger« stellt extreme technische Anforderungen an die Pedalarbeit durch die Chromatik der vielen Neben- und Gegenmelodien – Silke Aichhorn meisterte die Bilder brillant im Ausdruck und sicher in der Technik vom Murmeln der ersten kleinen Quellen über die »Bauernhochzeit«, die sie selber rhythmisch-tänzerisch bearbeitet hat, den zauberischen »Nymphenreigen«, die gefährlichen »Sankt-Johann-Stromschnellen« bis hin zum breiten Strömen des Flusses an der Prager Burg Vysherad vorbei, bis er sich endlich in der Elbe verliert.

Nach der gesprächsreichen Pause im lauen Abendwind vor dem Kircherl bewies ein weiteres »Wasserstück« von Alphonse Hasselmanns (1845 bis 1912), dass auch Etüden Charme entwickeln können. Seine Konzertetüde »La Source« mit Anklang an die impressionistischen Gemälde seiner französischen Künstlerkollegen zeigte, was man aus einer stereotypen Begleitfigur machen kann, wenn man eine schöne Melodie darüber legt, und ließ die Zuhörer in herrliches Quellwasser eintauchen und sich von ihm getragen fühlen.

Mit dem »Blumenwalzer« aus der »Nussknacker-Suite« von Peter I. Tschaikowsky (1840 bis 1893) hat Silke Aichhorn ein weiters großes Orchesterstück für ihr Instrument bearbeitet, sie wollte nicht »nur die herrliche Kadenz mit kalten Fingern« spielen müssen. Der Walzer entfaltete unter ihrem Zugriff eine großartige, erstaunliche Wirkung, als hätte Tschaikowsky ihn genau in dieser Form für die Harfe komponiert – er war für den Berichterstatter das interessanteste Werk, jedenfalls vor den folgenden Kompositionen. Und die stammten allesamt von Harfenspezialisten und Komponisten aus der Gegenwart. Da war zuerst von Bernard Andrès (geb. 1941) die »Elegie pour la mort d’un berger«. Gewaltige Klangwolken wechselten mit ganz eigenen Effekten wie Pedal-Glissandi, Flageoletts, Zupfen an gedämpften Saiten, Klopfen auf der Zarge ab – letztlich aber sprach dieses beeindruckend starke Stück die Zuhörer zutiefst an in seinem distanziert-friedlichen und einverstandenen Verhältnis zum Tod, denn »der Schäfer war schon ein sehr alter Mann«.

Japanische Haikus sind Naturminiaturen in ganz strenger Gedichtform in 17 (5-7-5) Silben. Die amerikanische Harfenistin Susan McDonald hat sich dieser Ausdrucksform angenommen und sie für die Möglichkeiten der Harfe experimentell erweitert – der streunende Hund, der im Frühlingsregen schläft, und die Erkenntnis, dass es auch bei den Insekten welche gibt, die schön singen, und andere, die nicht so gut drauf sind. »Harping on a harp« schließlich, von dem amerikanischen Jazzharfenisten Robert Maxwell (geb. 1921) geschaffen, hatte total den Blues, lässig und frech, und wieder mit jeder Menge Pedalarbeit für Silke Aichhorn.

Die Künstlerin, die sich sichtlich und eben auch hörbar wohl fühlte beim Publikum im wohlgefüllten Kircherl, bedankte sich mit einer stimmungsvollen Zugabe, die gut in die beginnende Dämmerung passte, mit »Claire de Lune« von Claude Debussy. Engelbert Kaiser

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