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Was die OECD jetzt noch fordert

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Stühle stehen in einer Schule in Gelsenkirchen nach Unterrichtsende auf den Tischen. Foto: Caroline Seidel Foto: dpa

Wenn es neue PISA-Zahlen gibt, ist die Politik in Deutschland in Habachtstellung. Doch diesmal haben die Bildungsforscher gute Nachrichten: Es gibt mehr Bildungsgerechtigkeit - doch nicht genug.


Berlin (dpa) - Die erste PISA-Studie schockte 2001 die deutsche Öffentlichkeit. Die Leistungen der deutschen Schüler waren unterdurchschnittlich - die Schulleistung war hierzulande besonders stark an die soziale Herkunft gekoppelt. Wie ist die Lage heute?

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Wie hat sich die Bildungsgerechtigkeit entwickelt?

In kaum einem anderen Land der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist der Anteil sozialschwacher Schüler mit soliden Leistungen so deutlich gewachsen wie in Deutschland - von 25,2 im Jahr 2006 auf 32,3 Prozent 2015. Auch Israel, Japan, Norwegen, Polen, Portugal, Slowenien und Spanien verzeichneten hier eine positive Entwicklung. In Australien, Finnland, Neuseeland, Korea, Schweden und Ungarn ging der Anteil dieser Schüler dagegen zurück.

Warum holte Deutschland hier auf?

Laut OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher gibt es klare Gründe: mehr Ganztagsschulen, mehr gemeinsamer Unterricht mit bessergestellten Schülern, mehr frühe Bildung in den Kitas. »Die positive Entwicklung ist beeindruckend«, sagt Schleicher.

Ist das Problem der Bildungsungerechtigkeit gelöst?

Bei weitem nicht - noch immer ist Deutschland hier schlechter als der OECD-Durchschnitt. Nach Reformen für die Schulen Mitte des vergangenen Jahrzehnts habe die Veränderungsdynamik wieder nachgelassen, sagt Schleicher.

Was muss getan werden?

»Das Lernen zu individualisieren, ist das Entscheidende für den Bildungserfolg«, sagt Schleicher. Die Schulen müssten auch offen dafür sein, dass sich Leistungspotenziale der Schüler zu unterschiedlichen Zeitpunkten entfalten.

Was bedeutet das konkret?

Gutes Schulklima ist laut den OECD-Ergebnissen zentral. Die Lehrer müssten einen Geist des Zusammenwirkens an ihrer Schule empfinden. Schlecht: hohe Lehrerfluktuation. Gut: ein vertrauensvolles Verhältnis an den Schulen. Lehrer bräuchten Zeit außerhalb der Unterrichtsstunden, sich um schwächere Schüler zu kümmern oder auch Talente zu fördern. Doch die Stundendeputate seien für deutsche Lehrer so hoch, dass es an dieser Zeit oft fehle.

Steht die Schulzuständigkeit der Länder dem Erfolg im Weg?

Laut Schleicher nicht unbedingt. Aber es brauche mehr Kooperation von Bund, Ländern und Kommunen. »Es ist nicht sinnvoll, dass man Lehrer in den 16 Ländern unterschiedlich ausbildet«, kritisiert Schleicher. Nicht förderlich sei es auch, wenn guter Unterricht in maroden Schulgebäuden stattfinde. Sebastian Gallander, Geschäftsführer der Vodafone-Stiftung, die die Studie mitinitiiert hatte, zeigt sich optimistisch, dass eine neue große Koalition positive Weichen stellt: »Es ist ein Fenster der Möglichkeit, das sich eröffnet.« Immerhin wollten Union und SPD mehr Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen.

Wo können Vorbilder für Deutschland sein?

Schleicher führt Shanghai als Beispiel an. Dort sei der Problemdruck wegen vieler sozialschwacher Zugezogener besonders hoch gewesen. Die Klassen seien eher vergrößert worden, die Deputate der Lehrer lägen mit 11 bis 16 Stunden pro Woche aber bei rund der Hälfte der deutschen Lehrer. Dennoch arbeiteten die Pädagogen dort mehr: Sie würden sich intensiver außerhalb des Klassenverbands mit einzelnen Schülern befassen, wöchentlich mit den Eltern sprechen und untereinander stärker über die Schüler beraten.

Ziehen schlechtere Schüler die besseren nach unten?

Dies könnte man bei gemeinsamem Unterricht leicht fürchten - doch Schleicher gibt Entwarnung: »Es gibt keinerlei Absinken der Leistungen.« Das zeigten der internationale Vergleich und die deutsche Entwicklung. Während die stärkere Zusammenführung von Haupt- und Realschulen die Leistungen dort verbessert habe, seien an den eher gleich gebliebnen Gymnasien die Leistungen nicht besser geworden.

Was erschwert Verbesserungen in Deutschland?

Der Chef des Verbands Bildung und Erziehung, Udo Beckmann, sagt: »Die momentane Realität, dass dem Lehrermangel durch eine Vielzahl von personellen Notmaßnahmen versucht wird entgegenzuwirken, steht dem entgegen.« Wegen fehlender Lehrer gibt es immer mehr Seiteneinsteiger - 3015 waren es im Schuljahr 2016/17. Schleicher mahnt, die Mittel nicht an falscher Stelle einzusetzen, wenn es nicht mehr davon geben sollte: Mehr Computer an den Schulen allein zum Beispiel brächten kein besseres Lernklima.