Was hat die Wurst mit dem Krebs zu tun?

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Jeder Patient wird bei Beratungsgesprächen umfassend zur geplanten Diagnostik, Therapie und Nachsorge aufgeklärt.

Im Oktober 2015 hat die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC), eine Einrichtung der Weltgesundheitsorganisation (WHO), den übermäßigen Verzehr von rotem Fleisch, und insbesondere von verarbeiteten Fleischprodukten wie Wurstwaren, als für den Menschen krebserregend eingestuft. Dass der Konsum von Alkohol und Tabak ganz allgemein die Entstehung von Krebserkrankungen begünstigen kann, ist schon länger bewiesen. Können also wir selbst beeinflussen, ob in unserem Körper Krebszellen entstehen?


»Eine gesunde Lebensweise mit ausgewogener Ernährung, einem täglichen Maß an Bewegung und Verzicht auf Alkohol und Tabak wirken sich positiv auf unsere Gesundheit, unser Wohlbefinden und die Lebensqualität aus. Trotzdem darf man gelegentlich ein Glas Wein trinken, ebenso ist der Genuss von Fleisch- oder Wurstprodukten in Maßen in Ordnung. Auf genetisch bedingte Faktoren, wann und wie oft Schäden in unserer Erbsubstanz und damit das Risiko für eine Krebserkrankung entstehen, haben wir leider keinen direkten Einfluss«, berichtet Dr. Angela Wimmer, Darmzentrumskoordinatorin im Klinikum Traunstein. Gemeinsam mit Dr. Matthias Buchhorn, Oberarzt in der Gastroenterologie, und unter der Leitung von Chefarzt Priv.-Doz. Dr. Rolf J. Schauer kümmert sich das gesamte Team des Darmkrebszentrums Traunstein um die Versorgung von Patientinnen und Patienten, die an Darmkrebs erkrankt sind.

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»Hierbei geht es vor allem um die optimale Therapie für alle Betroffenen und um entsprechende Empfehlungen für Angehörige, sollte der Verdacht auf ein erbliches Tumorsyndrom bestehen«, gibt Dr. Wimmer an. Als Teil des Onkologischen Zentrums Traunstein konnte das Darmzentrum Anfang des Jahres und im Rahmen des 3. Traunsteiner Krebskongresses im April 2017 sein zehnjähriges Bestehen feiern.

60 000 Neuerkrankungen jährlich bei Darmkrebs

Mit über 60 000 Neuerkrankungen und 25 000 Todesfällen pro Jahr in Deutschland gehört Darmkrebs zu einer der häufigsten Krebserkrankungen. Allein in Traunstein wurden in den letzten 10 Jahren über 1100 Patienten und Patientinnen wegen Darmkrebs behandelt, davon wurden über 800 operativ versorgt. Durch die bessere Inanspruchnahme der Vorsorge-Darmspiegelung kann das Risiko an Darmkrebs zu erkranken jedoch deutlich verringert werden.

90 Prozent der Darmkrebserkrankungen treten nach dem 50. Lebensjahr auf. Das durchschnittliche Erkrankungsalter liegt bei 65 Jahren. Mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für genetische Zelldefekte, also Mutationen bei jeder Zellteilung. Zusätzlich arbeiten die Reparatursysteme der Erbsubstanz weniger effektiv. Das führt zu einem Verlust der natürlichen Wachstumskontrolle und somit zu einer unkontrollierten Zellteilung und übermäßigem Wachstum.

Etwa 70 Prozent der Darmkrebs-Fälle treten sporadisch auf, das heißt, es liegt keine erbliche Komponente vor. In ca. 20 bis 25 Prozent der Fälle kommt es allerdings zu einer familiären Häufung von Darmkrebserkrankungen: Das bedeutet, dass für Familienmitglieder von Betroffenen, also Verwandte 1. Grades wie Kinder oder Geschwister, das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, deutlich ansteigt.

Zusätzlich vermutet man, dass circa 5 bis 8 Prozent aller Darmkrebserkrankungen einem erblichen Tumorsyndrom zufolge entstehen. Hierbei tragen die Betroffenen von Geburt an eine veränderte Erbanlage, die zu einer Häufung von Schäden in der Erbsubstanz und somit zu einem erhöhten Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, führen. Diese Form der Krebsentstehung betrifft dann besonders häufig auch jüngere Menschen.

Screening bei jedem neu erkrankten Patienten

Bei jedem an Darmkrebs erkranktem Patienten, der sich in einem zertifizierten Darmkrebszentrum vorstellt, wird ein Screening durchgeführt, bei dem überprüft wird, ob eine erbliche Form oder familiäre Häufung von Darmkrebserkrankungen vorliegen kann. Auch am Klinikum Traunstein wird dies durchgeführt, um den Angehörigen eine entsprechende Empfehlung zur Vorsorgeuntersuchung geben zu können. »Besteht nun der Verdacht, dass ein erhöhtes Darmkrebs-Risiko in der Familie vorliegen könnte, arbeiten wir engmaschig mit dem Medizinisch Genetischen Zentrum (MGZ) in München unter der Leitung von Frau Prof. Dr. Holinski-Feder zusammen«, so Dr. Angela Wimmer.

Dort befassen sich Spezialisten für Humangenetik ganz genau mit der Krankengeschichte der betroffenen Patienten und deren Familiengeschichte. Anschließend gibt das MGZ München eine Einschätzung über das mögliche Vorliegen eines erblichen Tumorsyndroms ab. Das jeweilige Krankheitsbild und die daraus folgenden Konsequenzen, vor allem hinsichtlich der Vorsorgeempfehlungen für die Familie, werden dann ausführlich mit den Betroffenen besprochen. In manchen Fällen ist es daher sinnvoll, eine genetische Untersuchung zur genaueren Einschätzung zu veranlassen.

Liegt zum Beispiel eine Krebserkrankung von Darm, Magen, Gebärmutter, Eierstöcken, Nierenbecken und Harnleiter, Dünndarm, Bauchspeicheldrüse, Gehirn oder Gallenwege, manchmal auch der Talgdrüsen der Haut, in der Familie vor, ist das Risiko eines erblichen Tumorsyndroms höher.

Das häufigste erbliche Tumorsyndrom ist das sogenannte Lynch-Syndrom oder HNPCC, von dem etwa eine von 350 Personen in Deutschland betroffen ist. HNPCC steht für hereditäres non-polypöses kolorektales Karzinom. Dabei sind die zuvor genannten Organe gefährdet, bösartig veränderte Zellen zu bilden. Am häufigsten sind dabei die Gebärmutterschleimhaut sowie der Dickdarm betroffen. Wird ein entsprechendes Tumorsyndrom genetisch festgestellt, gibt es Richtlinien zur jährlichen Hochrisikovorsorge. Dazu gehören neben Magen- und Darmspiegelungen ab dem 25. Lebensjahr auch gynäkologische Untersuchungen.

»Das MGZ München bietet in regelmäßigen Abständen Termine in der Zweigpraxis im Klinikum Traunstein an. Das ermöglicht den betroffenen Patientinnen und Patienten eine humangenetische Betreuung in der Nähe ihres Wohnortes«, erwähnt die Traunsteiner Darmkrebs-Koordinatorin. In Zusammenarbeit mit dem Darmzentrum und den Hausärzten werden die entsprechenden Untersuchungen gemeinsam mit den Patienten geplant.

Aber was haben nun Ernährung und Lebensstil damit zu tun? »Es gibt keine Anti-Krebs-Diät. Wir beziehen uns auf die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, die allgemein gültig sind und auch von vielen weiteren Fachgesellschaften empfohlen werden«, gibt Dr. Wimmer an.

Ballaststoff- und abwechslungsreiche Ernährung, Vollkornprodukte sowie eine ausreichende Trinkmenge sollten unbedingt berücksichtigt werden. Bis zu fünfmal am Tag sollte man Obst und Gemüse genießen, dadurch wird man reichlich mit Vitaminen, Mineral- und Ballaststoffen sowie sekundären Pflanzenstoffen versorgt. Milch und Milchprodukte können täglich, Fisch ein- bis zweimal pro Woche genossen werden. Fleisch ist grundsätzlich ebenso Lieferant wichtiger Mineralstoffe und Vitamine. Rotes Fleisch, also Rind, Kalb, Schwein und Lamm, sollte aber nur in geringen Maßen konsumiert werden. Vor allem verarbeitetes Fleisch, das durch Salzen, Pökeln oder Räuchern verändert wurde, erhöht das Krebsrisiko. Dazu zählen zum Beispiel gegartes Fleisch oder Wurst.

Dicke Menschen haben höheres Risiko

Außerdem spielt neben der Ausgewogenheit der Ernährung auch die Energiebilanz eine Rolle. Das Maß für Körpergewicht in Relation zur Körpergröße, der Body-Mass-Index (BMI), stellt einen wichtigen Faktor dar. Liegt dieser über 25kg/m2 wird eine Gewichtsreduktion empfohlen. Auch die Stammfettsucht, die anhand des Bauchumfangs gemessen wird, erhöht das Krebsrisiko. Da zu viel Fett und Zucker in jeglicher Form eine Hauptursache für Übergewicht und Stoffwechselstörungen darstellen, sollte ein übermäßiger Konsum vermieden werden. Die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln zur Krebsvorsorge ist nicht empfohlen. »Die zusätzliche Einnahme von Vitaminen und Spurenelementen sollten Sie immer gemeinsam mit Ihrem Hausarzt absprechen«, sagt Dr. Angela Wimmer dazu.

Der schützende Effekt von ballaststoffreicher, ausgewogener Ernährung und körperlicher Bewegung, aber auch die Erhöhung des Risikos, durch Konsum von Alkohol und Tabak an Darmkrebs zu erkranken, ist bewiesen. Die erblichen Faktoren können wir ohnehin nicht beeinflussen, aber wenigstens entsprechende Maßnahmen zur Vorsorge treffen. fb