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»Was wird bleibm?«

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Lorenz Heiß gab den Besuchern im Pfarrheim einen Einblick in seinen Gedichtband »Gedanknflug«. (Foto: Meister)

Berchtesgaden – Vor nicht all zu langer Zeit hat Lorenz Heiß an gleicher Stelle sein halbhundertjähriges Dichterjubiläum gefeiert. Nun stand er wieder auf der Pfarrheimbühne, um, wie er mehrfach betonte, seinen wohl letzten Gedichtband vorzustellen. »Oiss lasst nach«, sinnierte der Schöpfer der Mundartgedichte.


Davon merkten die Zuhörer im Saal nichts und es waren wieder viele gekommen, um zu hören, was ihm seit dem erwähnten Jubiläumsbuch durch den Kopf schwirrte. »Gedanknflug« nennt Lorenz Heiß den neuen Band. Wer ein einsames Flugobjekt vermutete, das durch des Dichters Welt im sanften Gleitflug rauscht, sah sich einem ganzen Geschwader gegenüber, einem, das Sperrzonen und Grenzen nicht anerkennt und dessen Kondenzstreifen mit Augen und Geist zu folgen, nachdenklich stimmte, aber auch großen Spaß machte. Und beim Nachlesen garantiert machen wird.

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Sanfte und anmutige Harfenklänge von Maria Renoth untermalten die Traumbilder, die den Dichter auch als Fotografen zeigten. Im Wasser spiegelte sich die auf- oder untergehende Sonne, oben spielte sie Verstecken mit Wolkenbündeln. Der Dichter weiß wie der Fotograf, wie man Atmosphäre schafft, den Rahmen stellt für einen äußerst interessanten Leseabend. Lorenz Heiß legt seinen neuen Gedichtband vor, öffnet den Zuhörern die Pforte in sein Inneres, lässt ihn teilhaben an seinen Gefühlen, an seinen Ängsten und Freuden, ganz Intimes mitunter. Literatur ist immer, und das weiß auch Lorenz Heiß genau, eine Öffnung auf Inneres, auf Befindlichkeiten, die der Mensch gern unter der Decke hält. Der schreibende Mensch macht die Sicht darauf frei. Der Lyriker, egal welcher Sprachform er sich dabei bedient, im Besonderen. Er gibt es verknappt und in konzentrierter Sprache gebündelt frei.

Mundartgedichte sind wohl ein spezielles Feld der Literatur. Und längst nicht nur in Bayern. Die Heimat, die Natur, die Freude an einem Ort zu leben, an dem man sich wohlfühlt, die Ängste vor der Zerstörung der besonderen, der eigenen Idylle. Das sind wohl in der Regel die Themen von Mundartlyrik, geschrieben für einen speziellen Kreis, mehr oder minder scharf abgegrenzt durch den spezifischen Dialekt.

Was treibt nun den Dichter Lorenz Heiß um? Auch bei ihm spielt die Heimat eine wichtige Rolle, die Welt der Berge vor allem, die er über alles liebt und die ihm viele und tiefschürfende Gedanken wert sind, wobei die Schmerzgrenze durchaus erreicht werden kann, die eigene. Der Dichter sinniert über die Heimat, seine Liebe zu den Dingen, seine Furcht vor Veränderungen, die nicht in seinem Sinn sind. Er zeigt Haltung. Und er fragt laut, ob ein Heimatdichter sich jeglicher Themen annehmen kann, die weitab von idyllischen Bergansichten, Gebirgsblumen oder malerischen Sonnenspielen im Bergsee liegen. Er darf, sagt der Dichter Lorenz Heiß.

Und so hört der Zuhörer im Pfarrheim, der Leser natürlich auch, denn der Zuhörer ist im Idealfall auch der künftige Leser, nicht die Hymnen auf Berchtesgaden und die Welt um es herum, seine Sinne werden auf die aktuelle Flüchtlingsproblematik, auf das geplante Freihandelsabkommen, auf Fukushima, die NSU-Morde oder den Flächenverbrauch, der die Welt schleichend zubetoniert, gelenkt. Lorenz Heiß bezieht Stellung, lässt seine Gedanken fliegen, vielleicht auch mit der Hoffnung, dass sie auf fruchtbarem Boden landen. Und vielleicht auch über Dialekt-Sperrzäune hinweg. Den Erlös seines Leseabends will Lorenz Heiß übrigens an »Kinder in Not« weitergeben.

Aber das Spektrum des Dichters ist riesig groß. Die 116 Seiten von »Gedanknflug« lassen den bereits beschriebenen Feldern auch das des Humors nicht unbeackert, oder lassen Blicke auf die »kleinen Freuden und Nöte« des Dichters Heiß zu. »Koa Lust und koa Zeit« heißt ein kleines Stück und ein anderes reflektiert die Facebook-Krankheit, die dem Menschen Hunderte Freunde beschert, aber kaum einen Freund.

»Was wird bleibm?«. Das fragt der Mensch und fragt auch Lorenz Heiß. Darüber denken wohl alle sterblichen Erdenbürger nach. Für Lorenz Heiß dürfte sich diese Frage eigentlich nicht dringend stellen. Ein Gedicht ist sicher eine lyrische Momentaufnahme, aber sie hat mitunter eine sehr lange Haltbarkeitsdauer. Dieter Meister