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Wasserherrgott, Quellnymphen und Duttenfeiler

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Neben vielen heimatkundlichen und geschichtlichen Informationen enthält das Buch auch Tipps zu Spaziergängen und Wanderungen in der Nähe der beschriebenen Orte. (Foto: Janoschka)

Nicht nur Neapel sollte man nach dem bekannten Sprichwort gesehen haben, bevor man stirbt, sondern auch inzwischen 222 Orte im Chiemgau und im Rupertiwinkel. Diese stellt die Volkskundlerin, Kunsthistorikerin und Autorin Doris Steinbacher aus Ising in der Reihe »111 Orte, die man gesehen haben muss« aus dem Emons-Verlag in ihrem zweiten Buch völlig klischeefrei vor.


111 Orte im Chiemgau hatte sie schon früher entdeckt. In ihrem neuen Buch »111 Orte im Chiemgau und im Rupertiwinkel, die man gesehen haben muss« kommt noch einmal die gleiche Anzahl an erwähnenswerten »Orten« hinzu. Dabei fasst sie diesen Begriff nicht so eng, wie er landläufig verstanden wird, sondern bezieht einzelne Bauwerke, ja sogar Teile von diesen, sowie Bäume – hauptsächlich Linden –, Dorfwirtschaften, Wanderungen zu Almen, Quellen, Kirchen und Friedhöfe mit besonderen Grabstätten – etwa das Irlmaier-Grab in Freilassing –, ja sogar eine Krippenfigur, den Krippenjackl in Laufen, mit ein. Diese alphabetisch geordneten »Orte« aus den Sparten Architektur, Natur, Ernährung oder Wasser – manchmal sogar mit spirituellem Überbau – sorgen für einen großen Abwechslungsreichtum.

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Reit im Winkl kommt von »Roden«

Eine Besonderheit sind die sprachgeschichtlichen Überlegungen zu Ortsnamen, wie etwa Reit im Winkl, dessen erster Bestandteil von »roden« kommt, die Quelle Biberschwell, das »bei der Burg« bedeutet, oder zu Laufen (Louffo), wie in dem Buch zu lesen ist. Interessant dürfte auch sein, dass der »Wasserherrgott« am Kreuz in einer Außennische der Laufener Stiftskirche seinen Namen daher hat, weil er früher nur von der Salzach – vom Wasser – aus zu sehen war. Aber auch einen bayerischen Herrgott gibt es – nämlich in Wonneberg.

Und was, bitteschön, sind Duttenfeiler, fragt sich der amüsierte Leser. Das ist der Spitzname für die Priener, weil ein Moralapostel heimlich das weibliche Attribut einer Engelstatue, die Brust (bairisch: die Dutten), wegfeilen ließ. Steinbacher erzählt von solchen Kuriositäten ebenso wie von Römern und Schmugglern, von Steckerlfischen und Seidenraupen auf Maulbeerbäumen, von Kraftplätzen und Wallfahrten, von alten Getreidesorten und archaischem Handwerk. Und nicht nur im »Brandner Kaspar« entscheidet eine Spielkarte über das Schicksal, auch in der Geschichte von Reit im Winkl spielt der Schelln-Unter eine große Rolle.

Die Gemeinden, in denen die beschriebenen Orte zu finden sind, erstrecken sich von Ainring und Piding im Osten über Ruhpolding, Reit im Winkl und Sachrang im Süden, Tittmoning und Asten im Norden bis zu Samerberg, Frasdorf und den Orten am Chiemsee im Westen. Zeit-, Natur-, und Kunstgeschichtliches fließen ganz nebenbei mit ein. Eine Sage zum Höglwörther See und humorvolle Geschichten zur Geschichte machen die Lektüre kurzweilig. Kulturgeschichtliches zum Sterben – die Totenbretter von Surberg und der Pestfriedhof in Obing – führen die individuelle Vergänglichkeit vor Augen.

Wussten Sie schon...?

Alle diese Informationen streut Steinbacher gut dosiert ein, immer mit der versteckten Frage »Wussten Sie schon...?« Überhaupt fühlt sich der Leser persönlich angesprochen, er wird buchstäblich zu den verschiedenen Orten mitgenommen. Auf jeweils einer Seite findet er unter einem anspielungsreichen Titel alles Wissenswerte dazu. Die gegenüberliegende Seite zeigt jeweils ein charakteristisches Foto mit genauer Anfahrtsbeschreibung und weiterführenden Tipps zu anderen Spazier- und Wandermöglichkeiten in der Nähe. Einen Überblick über die geografische Lage vermittelt eine Landkarte am Schluss des Buches. Wichtig ist der Autorin immer auch die Familien- und Kinderwagentauglichkeit. Wer sich also auf Ausflüge zu den 111 Orten im Chiemgau und im Rupertiwinkel mitnehmen lässt, ist anschließend um viel Wissen über seine Heimat reicher und kann diese Geheimtipps an Freunde und Bekannte weiterzugeben.

Am heutigen Donnerstag um 19 Uhr stellt Dorothea Steinbacher ihr Buch persönlich vor: Im Stadtkino Trostberg, das als einer der 111 Orte in ihrem Buch fungiert. Brigitte Janoschka