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Wasserstrahlen aus Schweinsborsten

Da hat sich der Historische Verein von Tittmoning aber mächtig ins Zeug gelegt – und der dort ansässige Richard Ruhland als jüngster in der Reihe der Erforscher des unglaublichen, solitären Werkes zweier kunsthistorisch höchst bedeutsamer Ex-Bürger Tittmonings aus dem 17. und 18. Jahrhundert geoutet. Mit einer feinen Ausstellung im Fürstenstock der Burg und einem geradezu sagenhaft gelungenen, reich und wunderschön bebilderten Begleitbuch, das es dort zu erwerben gibt und das erst eine Vorstellung von dem gibt, was da in den uralten, dicken Tittmoninger Burgmauern (und verstreut im In- und Ausland) an filigranen Kunstschätzen zu entdecken ist.

J. B. Cetto: »Erlöserblut«, farbig gefasste Wachsarbeit, 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts, Detail mit hl. Joachim, Anna und Kind Maria. (Foto: Hans Gärtner)

Anlass der für jeden frei zugänglichen Ausstellung – sie endet leider bereits am 6. Oktober, und die Öffnungszeiten sind begrenzt: nur jeweils Mittwoch bis Sonntag von 13 bis 16 Uhr – ist ein zweifacher: der 275. Todestag von Johann Baptist Cetto (1671-1738) und der 300. Geburtstag von Sohn Nikolaus Engelberg Cetto (1713-1746), dem dritten Kind der Familie italienischen Ursprungs. In den Tittmoninger Matrikeln steht »Zeto«, sozusagen einge(bairisch)deutscht.

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Die Cettos lebten vom Gips- und Wachsbossieren. Das seltene Handwerk, was ja ein (heute weitgehend verloren gegangenes) Kunst-Handwerk war, ging Vater Johann d. Täufer und Sohn Nikolaus Engelbert (der viel zu früh von dieser Erde gehen musste) so gut von der Hand wie kaum anderen zu ihrer Lebzeit. Was sie schufen, ist ein verblüffendes, so zerbrechliches wie erstaunliches, gut 220 Posten umfassendes Werk, das seinesgleichen sucht.

Die schöne kleine Ausstellung fasst bekannte Cetto-Arbeiten, entstanden zwischen 1706 und 1746, zusammen: teils in echten Stücken, teils auf Fotos mit instruktiven Erklärungen zu Biographie, Standorten, Ikonographie, aber auch Techniken. Einiges besitzt das Heimatmuseum Tittmoning, vieles die Erzabtei St. Peter in Salzburg (Abt Dominikus Hagenauer als Aufkäufer sei heute noch tausend Dank), des weiteren sind Cetto-Wachsbilder (die meisten mit bald einfachen, bald sehr prunkvollen Rahmen versehen) in Raitenhaslach (Klosterkirche und Prälatenstock), Asten, Bamberg, München, im Escorial bei Madrid, in Dresden (Grünes Gewölbe), Genua, Hildesheim, Altötting und Berchtesgaden zu finden. Freilich sind die meisten auswärtigen Cetto-Bilder in der Tittmoninger Schau nur durch Fotos gegenwärtig. Dass der Autor dieser Zeilen kürzlich zwei »Cettos« in Luzern begegnete, ist zwar purer Zufall, deutet aber darauf hin, dass des Erforschens der Cetto-Opera noch kein Ende ist.

Wer die Cetto-Exponate anschaut, steht wie »erschlagen« davor; kann er es doch kaum fassen, dass die Stadt Jerusalem oder die Arche Noah oder die Heiligenversammlung rund um das Blut des Heils verströmende Golgota-Kreuz oder die Geburt Christi oder des hl. Franz von Assisi Stigmatisierung – oder wie all die ausschließlich religiösen, wenn nicht gar biblischen Themen, die die Cettos aufgriffen heißen mögen, so fein aus bald durchsichtigem, bald getrübtem weißem Wachs ziseliert werden konnten. In reines, durchsichtiges Wachs getauchte Schweinsborsten stellen Wasserstrahlen oder Grashalme dar. Mit Wachs umgebenes Seidengarn wurde für Zäune und Ziergitter verwendet, sogenanntes Marienglas (bei den Cettos wohl weniger Gipsspat als Glimmer) für die Nimben der Heiligen. Die meisten Cetto-Bilder, die man am besten mit der Lupe anschaut, um auch jede winzige Einzelheit zu sehen, sind wächsern-weiß geblieben, einige aber auch farbig bemalt.

Alle die Schönen Arbeiten der Cettos sind Unikate, eine Vervielfachung war undenkbar. Wer also einen Cetto sein Eigen nennt, kann sicher sein, keine Imitation zu besitzen. Die Cetto-Werke gleichen Spitzenbildchen. Doch die wurden, wie man weiß, auch schon mal seriell hergestellt. Hans Gärtner