weather-image
17°

»Weihnachten ist mit vielen Hoffnungen verbunden«: Der Krisendienst Psychiatrie hilft

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Alexander Scheitz ist der neue Gebietskoordinator des Krisendiensts Psychiatrie der Region Südost-Oberbayern, zu der auch die Landkreise Traunstein und das Berchtesgadener Land gehören.

Alexander Scheitz ist der neue Gebietskoordinator – Krisendienst Psychiatrie auch über die Feiertage zu erreichen


Weihnachten ist das »Fest der Liebe«. Es sollte besinnlich und friedlich im Kreise der Familie gefeiert werden. Doch oft kommt es an diesem Tag auch zu Streit. Das liegt laut Alexander Scheitz an den hohen Erwartungen – die dann enttäuscht werden. Der 39-Jährige ist der neue Gebietskoordinator des Krisendiensts Psychiatrie. Er ist unter anderem zuständig für die Landkreise Traunstein und das Berchtesgadener Land. Im Interview erzählt er, welche Sorgen die Menschen derzeit plagen und wie sich die Coronakrise auf die Arbeit des Krisendiensts auswirkt.

Anzeige

Wieso kommt es an Weihnachten oft zu Streit in der Familie?

Weihnachten ist immer mit vielen Hoffnungen und Emotionen verbunden, die nicht immer erfüllt werden können. Das gilt ganz besonders auch jetzt aufgrund der Corona-Pandemie mit Lockdown und Kontaktbeschränkungen.

Wie kann sich das auswirken?

Menschen, die sich belastet, einsam und verunsichert fühlen, können dadurch in seelische Krisen geraten.

Was kann in diesem Fall der Krisendienst Psychiatrie tun?

Sollte die Einsamkeit in eine Krise münden, kann zunächst einmal ein telefonisches Gespräch helfen. Sollte dieses nicht ausreichen, schicken wir mobile Ausrückteams.

Wann rücken diese aus?

Sie rücken dann aus, wenn die Leitstelle während der telefonischen Krisenintervention merkt, dass ein Telefonat nicht mehr ausreichend ist. Sie sind immer zu zweit unterwegs und versuchen gemeinsam mit dem Betroffenen, einen Weg aus der Krise zu finden.

Aus welchen Gründen rufen die Menschen beim Krisendienst an?

Das vorherrschende Problemspektrum ist in 25 Prozent der Fälle eine Belastungsreaktion, gefolgt von affektiven Störungen (unterschiedliche Formen der Depression; 20 Prozent) und Störungen des Realitätsbezugs (11 Prozent).

Was ist darunter zu verstehen?

Das sind zum Beispiel posttraumatische Belastungsstörungen, Schizophrenie oder Psychosen.

Und wann tritt eine Belastungsreaktion auf?

Eine Belastungssituation definiert jeder Mensch anders. So kommt es bei dem einen zu einer Belastungssituation, wenn er seine Arbeit verliert, wo ein anderer wenig bis gar keine Belastung empfindet. Das ist sehr individuell und auch abhängig von den äußeren Rahmenbedingungen der Person. Da spielen etwa auch der Rückhalt durch die Familie oder die finanzielle Einbettung eine Rolle.

Wie kann eine solche ausgelöst werden?

Durch schwere Unfälle oder Krankheit, Katastrophensituationen – auch Corona zum Beispiel –, Gewalterfahrungen oder Schicksalsschläge wie Trennung, Tod und Verlust von Alltagsstruktur.

Wie erklären Sie sich, dass im Dezember und Januar die Zahl der Anrufe am höchsten ist?

Erfahrungen des Krisendiensts zeigen, dass die Anrufenden in dieser Zeit vor allem aufgrund familiärer Konflikte, Einsamkeitsgefühlen und Erschöpfungszuständen in Krisen geraten können und Hilfe benötigen. Oft genügt dann ein entlastendes Gespräch und die Option auf weiterführende Hilfen.

Spielt vielleicht auch die dunkle Jahreszeit eine Rolle?

Ich vermute ja – Stichwort: Winterdepression.

Mit 2020 geht ein Jahr zu Ende, das für viele eine große Herausforderung darstellte. Wie hat sich Corona auf die Arbeit des Krisendiensts Psychiatrie ausgewirkt? War es schwieriger, den Menschen zu helfen?

Da kann ich mit Stolz sagen, dass wir, trotz der Belastungen und Hürden, die das Jahr 2020 mit sich brachte, vollumfänglich unser komplettes Angebot an Hilfen aufrecht erhalten konnten.

Rufen mehr Frauen oder Männer bei Ihnen an?

62 Prozent sind Anruferinnen. Ich persönlich empfinde das als relativ ausgewogen. Vermutlich ist es aber schon so, dass sich Frauen eher Hilfe holen als Männer.

Wie groß ist Ihr Team – also am Telefon und »draußen«?

Das ist gar nicht so einfach zu sagen. Zum Krisendienst gehört die Leitstelle, welche die Krisentelefonate führt, mit rund 45 Mitarbeitern. Dann gibt es die Ausrückteams der Sozialpsychiatrischen Dienste und die sogenannten AWF-Dienste.

Was ist darunter zu verstehen?

Das sind die Leute, die am Abend, am Wochenende und an den Feiertagen helfen. Eine genaue Zahlenangabe kann ich hier nicht machen. Außerdem gibt es noch die Kooperationspartner des Krisendiensts, wie beispielsweise die Kliniken und psychiatrische Ambulanzen.

Ab 1.7.2021 sollen die Ausrückteams des Krisendiensts Psychiatrie rund um die Uhr im Einsatz sein (bisher 8 bis 21 Uhr). Was versprechen Sie sich davon?

Krisen machen nicht vor einem Wochenende oder einer Uhrzeit halt. Sie treten dann auf, wenn sie auftreten. Darüber hinaus hat auch die Polizei die Möglichkeit, in unklaren Fällen, die die Selbst- oder Fremdgefährdung von Personen betreffen, den Krisendienst hinzuzuziehen. Aber auch in anderen psychiatrischen Fällen kann der Krisendienst Psychiatrie der Polizei eine Hilfestellung bieten.

Inwiefern?

Zum einen, da die Ausrückteams dann auch nachts für aufkommende Anfragen der Polizei zur Verfügung stehen. Zum anderen hat die Polizei die Möglichkeit, den Krisendienst Psychiatrie hinzuzuziehen, wenn sie es für sinnvoll erachtet. Somit kann in manchen Fällen eine Zwangsunterbringung in ein psychiatrisches Krankenhaus vermieden werden.

Wo können sich Menschen hinwenden, die Hilfe brauchen?

Unter der Nummer 0180/6553000 bietet der Krisendienst Psychiatrie während der Feiertage rund um die Uhr Hilfe für Menschen in psychischer Not an. Sollte das Telefonat nicht ausreichen, stehen auch über die Feiertage unsere Ausrückteams parat. Sie sind aktuell sieben Tage die Woche von 8 bis 21 Uhr verfügbar.

Klara Reiter


Einstellungen