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»Weiße Nacht« beim »Chiemgauer Musikfrühling«

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Von links: Boris Brovtsyn, Thomas Gould, Christian Ihle Hadland, Razvan Popovici, Anja Lechner. (Foto: Barbara Heigl)

»Die weiße Nacht«, das sechste Konzert des Kammermusikfestivals »Chiemgauer Musikfrühling«, war dem finnischen Komponisten Jean Sibelius zum 250. Geburtstag gewidmet und wurde in der Traunsteiner Klosterkirche aufgeführt.


Diana Ketler und Boris Brovtsyn eröffneten mit dem selten gespielten Sibelius-Werk »Fünf Stücke für Violine und Klavier« den Konzertabend. In dem 1915 entstandenen Werk konnte Boris Brovtsyn auf seiner Geige all das Sentiment ausleben, das diesem Instrument innewohnen kann, ohne dass er unangenehmen Kitsch produzierte. Diese Komposition, zur Zeit des Ersten Weltkriegs erdacht, war von erstaunlicher Schönheit. Diana Ketler am Klavier bot einen stetigen, gleichmäßigen Klangfluss, zurückhaltend darauf bedacht, dem Geiger eine anmutige Grundlage zu bieten. Die Noten kullerten unbeschwert und behänd unter ihren kundigen Fingern dahin. Wie schön doch die Welt ist (sein kann), wurde mit dieser Musik ganz überzeugend gesagt.

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Mit Max Bruch, einem selten aufgeführten Komponisten, kam dem Publikum ein Werk zu Ohren, das in der Spätromantik angesiedelt ist. Aus den acht Stücken für Viola, Klarinette und Klavier spielten Christian Ihle Hadland (Klavier), Razvan Popovici, (Viola) Diana Ketler (Klavier) und Thorsten Johanns (Klarinette) eine Auswahl von vier Sätzen, wobei sich ein intensives und freudig-angeregtes »Gespräch« zwischen der Viola Popovicis und der Klarinette Johanns entwickelte, dem das Publikum neugierig lauschte.

Es sah aus, als wäre das Klavier die naturgegebene Fortsetzung seiner Hände: So eng schien der Pianist Hadland mit den Tasten seines Instrumentes verbunden, auf denen er einen Klangteppich für seine Musikerkollegen während des Bruch-Stückes webte, dessen Farben von innen herausleuchteten.

Diana Ketler ist als Solistin natürlich immer ein ganz besonderer Genuss, so auch diesmal, als sie Emils Darzins (1875 bis 1910) »Melancholischen Walzer für Klavier Solo« mit bestimmender Sanftheit interpretierte, die durchaus ein Charaktermerkmal ihres Klavierspieles ist.

Das Streichtrio in g-Moll von Sibelius mit der Intensität eines nordischen Krimis, in dem sich die Erzählung immer mehr verdichtet und das dunkle Geheimnis sich nicht lüften mag, fesselte die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf ganz andere Art. Den Platz des Publikumslieblings Max Hornung, der wegen eines Termins in Shanghai an diesem Abend hatte absagen müssen, nahm der erst 22-jährige Andrei Ionita ein, der die Zuhörer aber beileibe nicht enttäuschte. Schließlich ist er Preisträger des renommierten ARD-Wettbewerbs, bei dem er sich einen zweiten Platz erspielt hat. Sein dramatischer Strich ließ aufhorchen, seine Hingabe an die Musik hat noch etwas unschuldig Drängendes, was spannend war. Thomas Goulds (Violine) und Popovicis Spiel, energetisch aufgeladen, war energisch und präsent.

Anstrengend zum Zuhören, aber einfach phänomenal komponiert und gespielt war das letzte Stück des Abends, das Klavierquintett in g-Moll (1890) von Sibelius, das unglaublich modern klang.

Sie ist nicht nur groß von der Statur, sie ist auch eine »Grand Dame« am Cello. Anja Lechner, die mit Gelassenheit über eine edle Klangproduktion verfügt, vervollständigte das Quintett. Fulminant, düster und fahl erklangen das »Grave« und das »Intermezzo«. Mäandernd, mit wenig rhythmischen Abwechslungen, schien sich das Klangbild der Streicher in die unendlich scheinende Landschaft Finnlands hinein zu strecken, in der im Frühsommer die Nacht zum Tag wird, zur »Weißen Nacht«.

Das »Scherzo. Vivacissimo« als Zugabe war gut gewählt, so ging man doch etwas munterer nach Hause, da dieser Teil der Komposition der fröhlichste war. Barbara Heigl