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Weltklasse-Jazz aus und für Traunreut

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Immer wieder gern gesehen, sehr gerne auch öfter: Die Söhne Traunreuts, diesmal mit Alexandra Sieber (Gesang) und Helmuth Schulz (Kontrabass), boten erstklassigen Jazz im k1.

Junge, Alte, sogar Kinder in angespannter Vorfreude im k1-Saal in Traunreut: Ein Familienfest? Fast. Angekündigt war »Swing vom Traunring«, handgemacht, einzigartig und vor allem »made in Traunreut«. Die »Söhne Traunreuts« liefen fast wie eine Fußballelf auf und hatten, zur großen Freude aller, in Alexandra Sieber sogar eine Tochter dabei.


Begrüßt wurden die munteren Zuhörer mit einer Komposition von Sebastian Pusch, »Funky Sauna«, eine der alten Nummern aus den 80er Jahren, die im Saal gleich ordentlich einheizte. Alexandra Siebers volle Jazzstimme kam in der folgenden Nummer von Domenico Modungo, »Volare«, zum ersten Mal zu Gehör. Im ersten Moment war man etwas verwirrt, fühlte sich ein wenig in eine Hotelbar an der Adria versetzt, aber dann, beim satt verjazzten Einsatz der beiden grandios improvisierenden Gitarren (Michael Vochezer und Knud Mensing) passte alles wieder und es entstand eine heiße »Italo-Jazz-Nummer« der Extraklasse.

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Weiter ging es, so erklärte Sieber, mit einer der für ihren Geschmack schönsten Melodien der Welt: »Smile« von Charlie Chaplin. Wie sich herausstellte, kann sich nicht nur Michael Jackson dieses wirklich ausgesprochen berührende Lied zu eigen machen. Auch Sieber erzeugte in jazziger Begleitung ihrer »Brüder« »deep vibrations« und erntete mit ihrem weichen und berührenden Gesang dementsprechend kräftigen Applaus.

Dass auch ABBA jazzig klasse rüber kommt, konnte man bei »Gimme Gimme« hören: fetzig, extravagant und variationsreich improvisiert von den Söhnen Bastian Pusch (Piano), Knud Mensing und Michael Vochezer (Gitarren), Christof Zoelch (Saxofon), Martin Auer (Trompete), Guido May (Schlagzeug) und Helmuth Schulz (Kontrabass) serviert, war die Nummer nur im Ansatz in ihrer ursprünglichen Fassung wiederzuerkennen.

Die »Söhne« sind inzwischen, wie man erfahren hat, selbst mehrfache Väter. Das verändert nicht nur den Alltag der Musiker, sondern liefert auch vielfach Inspiration für gelungene Eigenkompositionen: »Three and a half Time and gone« von Christof Zoelch entsprang dem ausgesprochen ereignisreichen Familienalltag mit vier Kindern, der aber, zumindest hörte man das aus der Nummer heraus, trotz allem harmonisch zu sein scheint. Die Eigenkomposition Michael Vochezers »Valse en Fevrier« klang auch im Oktober famos: Windig und wechselhaft mit sonnig-warmen Zwischenspielen. »Blame it on the Boogie« (Jackson Five) war als letzte Nummer vor der Pause denkbar schlecht gewählt, denn bei diesen fetzigen Rhythmen hatte keiner so recht Lust auf eine Unterbrechung des Jazz-Fests.

Umso freudiger kam man nach einem ausgiebigen »Ratsch« mit alten Bekannten wieder zurück zu seinem Platz, wo man prompt aufs Wärmste von Michael Vochezers »Sunshine« begrüßt wurde. Der zweite Teil konnte wider Erwarten in seiner Stückauswahl den ersten fast toppen: »Get here« (Olanda Adams/Brenda Russell), eine Ballade, die einem auch durch Siebers ausdrucksstarke und berührende Stimme zu Tränen rührte, anschließend verrucht und rotzfrech »Route 66«, bei der alle Musiker in solistischen Passagen ihrer Jazzseele »Freilauf« gewährten und dann ging noch einmal mit einer umarrangierten ABBA-Nummer, »Summer Night City«, so richtig der Punk ab.

Einer vieler Höhepunkte in diesem durchwegs gelungenen Jazz-Fest aber war ausgerechnet eine Komposition von Johann-Sebastian Bach, von Helmuth Schulz solistisch für Kontrabass umarrangiert: Die Cello-Suite Nr.1, Präludium BWV 1007. Schulz, heuer zum ersten Mal bei den Söhnen Traunreuts dabei, passte hervorragend zu der schon bestehenden Truppe. Es war, als gehörte er schon immer dazu. Sein klassisch-verjazztes Kontrabass-Solo wirkte wie aus einer anderen Welt: Mittig auf der Bühne, in warmes, rotes Licht getaucht, produzierte er an seinem Instrument Töne, die den k1-Gästen den Atem stocken ließen und das mit tänzerischer Leichtigkeit, die ihresgleichen sucht: Eine echte Attraktion.

So gesehen passte die Zugabe »Fly me to the moon« (Bart Howard) exakt, denn bei so viel musikalischer Extravaganz kann man schon mal ins Schweben kommen. Und all das gab es »all inclusive«: Grooviger Swing vom Traunring von gigantischen Musikergrößen, gigantischer Jazz-Gesang, 1A- Moderation von »Comedian« Bastian Pusch und das alles direkt vor der Haustür. Was will man mehr? Riesenapplaus und Abschiedstränen. Kirsten Benekam