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Wenn aus Arbeitskollegen eine Familie wird

Berchtesgaden – Sie haben miteinander gearbeitet, gefeiert, gelacht und geweint, Abenteuer erlebt und Zeit miteinander verbracht, die für die allermeisten unvergesslich ist und bleibt – deswegen nennen sie sich die »Walker-Family«. Sie alle verbindet ihre gemeinsame berufliche Vergangenheit im »Armed Forces Recreation Center General Walker« der US-Armee. Zum ersten Mal gab es nun ein großes internationales Treffen der Walker-Family in Berchtesgaden, bei dem ehemalige Beschäftigte aus den Vereinigten Staaten, England, Österreich und Deutschland drei Tage lang die alten Zeiten Revue passieren ließen. Ausgangspunkt war die Kontaktaufnahme alter Freunde über das soziale Internet-Netzwerk »Facebook«.

Eddie Hager (l.) und Reinhard Schweiger haben das Treffen der »Walker-Family« in Berchtesgaden organisiert. Foto: Anzeiger/Jander

Das »AFRC General Walker« hatte bewegte Zeiten erlebt. Ursprünglich die Pension Moritz, danach umgebaut zum Hotel »Platterhof«, wurde die Einrichtung nach dem Krieg in den 1950er-Jahren wieder aufgebaut und von der US-Armee genutzt. Benannt wurde dieses Armee-Erholungsheim nach einem Army-General aus dem Korea-Krieg. Mitte der 1990er-Jahre wurde die Anlage wieder an den deutschen Staat übergeben und nach vielen Diskussionen das Gebäude im Jahr 2000 schließlich abgerissen.

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Die Erinnerung ist indes noch lebendig bei den ehemaligen zivilen Angestellten der Amerikaner. Für viele war es die beste Zeit ihres Lebens, wie Eddie Hager versichert, einer der beiden Organisatoren des Treffens der Walker-Family. Drei Tage lang besuchten die ehemaligen Arbeitskollegen Berchtesgaden und Umgebung, besuchten die touristischen Attraktionen und nutzten die Zeit, um Erinnerungen auszutauschen und wieder aufleben zu lassen. Reinhard Schweiger und Eddie Hager, beide ehemalige ARFC-Köche, haben dieses erste große Treffen ins Leben gerufen. Und obwohl die General-Walker-Zeiten schon lange her sind, waren es ausgerechnet das Internet und »facebook«, die das ermöglichten: »Anders hätten wir die vielen Kontakte rund um die Welt gar nicht knüpfen und aufrechterhalten können«, berichtet Hager, der von England aus koordinierte, während Schweiger sich vor Ort um alles kümmerte.

18 Monate dauerten die Vorbereitungen und über 240 Mitglieder hat die Facebook-Seite mittlerweile. Rund 90 ehemalige Beschäftigte, Freunde und Angehörige sind nun für die drei Tage in Berchtesgaden zusammengekommen. Höhepunkt war eine gemeinsame Feier im Gasthof »Goldener Bär«, bei der auch eine Bilderschau, die auf eine Leinwand projiziert wurde, für viel Freude sorgte. »Viele von uns haben sich seit über 30 Jahren nicht mehr gesehen. Die weiteste Anreise hatte ein Kollege aus San Diego«, freuen sich die Organisatoren im Gespräch mit der Heimatzeitung.

»Die Amerikaner« haben zweifellos Spuren hinterlassen, beschäftigten viele Zivilisten seinerzeit als Köche, Zimmermädchen, Kellner, Busfahrer oder auch Skilehrer. Viele, die für einen Urlaubs-Job zum Arbeiten kamen, sind im Berchtesgadener Land sesshaft geworden. »Bei uns war immer was los. Es gab eine eigene Personal-Bar, Disco, Minigolf, Kino und Tennis. Da musste man gar nicht mehr runter in den Ort. Das war auch das Besondere am Walker, wir hatten alles und haben alle zusammengehalten«, erinnert sich Reinhard Schweiger. Die alten Bilder aus den 70er-, 80er- und 90er-Jahren untermauern diesen Rückblick. Und etwas Melancholie schwingt da mit: »Wenn es das General Walker heute noch gäbe, würde ich da vielleicht noch arbeiten.«

Da trifft man bei der Walker-Family einen wunden Punkt. Bei vielen herrschte Fassungslosigkeit, als die Nachricht vom Abriss die Runde machte. Eddie Hager erinnert sich: »Ich bin 2000 zu Besuch gekommen und war auf der Baustelle, als der Abriss lief. Ich muss gestehen, ich hatte Tränen in den Augen.« Schweiger ergänzt: »Viele von uns können bis heute nicht begreifen, warum der Platterhof abgerissen wurde. Die Amerikaner haben das Leben und das Bild von Berchtesgaden über Jahrzehnte geprägt. Es ist doch wichtig, so ein Stück Geschichte zu erhalten.« Doch Trauer herrscht nicht nur über den Abriss, sondern auch über den Tod einiger Weggefährten. Besonders im Gedächtnis geblieben sind nicht wenigen vor allem Fredi Kastner, Andy Rennie, Kem Nitcher, Ella Hubl und vor allem der ehemalige Küchenchef Herbert Kraus.

Einig sind sich die Mitglieder der Walker-Family nicht nur, dass es für ihr Treffen eine Wiederholung geben muss, sondern auch, was das Prägendste an der damaligen Zeit war: »Die unglaubliche Kameradschaft, wir haben wie eine Familie zusammengelebt. Das war damals etwas ganz Besonderes, Berchtesgaden hatte etwas Magisches.« Thomas Jander