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Wenn das Wohnzimmer zum Schlachtfeld wird

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Cornelia von Fürstenberg (von links), Mathias Ransberger, Ina Meling und Sebastian Edtbauer überzeugten in ihren Rollen im Stück »Der Gott des Gemetzels«. (Foto: Heel)

War der Bub mit seinem Stock nun »bewaffnet« oder nur damit »ausgestattet«? Und ist sein Opfer infolge zweier ausgeschlagener Schneidezähne nun »entstellt« oder nicht? Und außerdem, wie konnte das Malheur überhaupt geschehen? Um dies zu klären, haben das Ehepaar Micha (Sebastian Edtbauer) und Veronika (Ina Meling) die Eltern des Schlägers, Annette (Cornelia von Fürstenberg) und Alex (Mathias Ransberger), in ihre Wohnung eingeladen.


Vier ganz normale Menschen der gehobenen Mittelschicht, die ganz normalen Berufen nachgehen: Alex arbeitet als Jurist, seine Frau Annette verdient ihr Geld als Vermögensberaterin, Micha handelt mit Haushaltsartikeln und Veronika engagiert sich neben ihrer Tätigkeit in einer Buchhandlung bei Hilfsaktionen für Afrika.

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Das Gespräch beginnt kultiviert

Entsprechend kultiviert beginnt das Gespräch, zumal sich Alex und Annette zunächst durchaus schuldbewusst zeigen. Obstkuchen und Kaffee werden serviert, man scherzt und räsoniert über das Leben, das wie ein Lehmklumpen sei, den jeder selbst formen müsse. Nur Alex nervt mit seinen Telefonaten, bei denen es um die Vertuschung der Nebenwirkungen eines Medikaments geht.

Doch je länger sich das Gespräch hinzieht, desto emotionsgeladener (und feindseliger) werden die Argumente, wobei sich immer wieder wechselnde Allianzen bilden. So sympathisieren die beiden Männer unvermutet miteinander, als sie entdecken, dass sie sich als Jungs ebenfalls geprügelt haben und Ivanhoe als Vorbild hatten.

Andererseits zeigt sich Micha empört, als sich herausstellt, dass Alex genau jenes (gefährliche) Medikament verteidigt, das auch Michas Mutter einnimmt. Doch auch Micha hat Dreck am Stecken: Er hat den Hamster seiner kleinen Tochter heimlich ausgesetzt, also »ermordet«, und kann so nach Ansicht von Alex und Annette die Prügelattacke gar nicht mehr beurteilen.

Als dann noch eine Flasche Rum ins Spiel kommt und sich Annette, angewidert von der Ignoranz ihres Gatten, über Veronikas wertvolle Kunstkataloge erbricht, eskaliert die Situa- tion endgültig. Immer heftigere Beschuldigungen und Wutausbrüche machen die Runde, wobei Annette, befeuert vom Alkohol, schließlich das Handy ihres Mannes in einer Vase mit Rosen versenkt. Rosen, die sie am Ende des Stücks der Reihe nach zerfetzt und dabei offenbart, wo der Gott des Gemetzels sitzt: im Hass zwischen uns allen.

Auf ganzer Linie gewonnen

Einem derart hochgeschätzten Werk wie Yasmina Rezas 2006 uraufgeführten Tragikomödie »Der Gott des Gemetzels« gerecht zu werden, ist keine leichte Sache. Zumal Regisseur Roman Polanski im Jahr 2011 eine überaus gelungene Verfilmung mit Staraufgebot in die Kinos brachte. Die freie Münchner Theatergruppe »Wirtshausmannschaft« unter der Federführung des aus Kienberg stammenden Sebastian Edtbauer hat es gewagt, und wie die Aufführung im voll besetzten Trostberger Postsaal gezeigt hat, auf ganzer Linie gewonnen.

Nicht nur wegen der trefflichen Einfärbung der brillanten Dialoge ins Bairische, sondern auch, was Konzept, Dramaturgie und die schauspielerischen Leistungen der vier Akteure betrifft. So legte Regisseur Johannes Rieder Wert auf ein flottes Tempo, das Timing stimmt auch und die Geschichte wird klar und übersichtlich erzählt. Die Schauspieler überzeugen allesamt in ihren Rollen und reizen mit sicherem Gespür für Pointen und Situationskomik das Potenzial der Vorlage bis zum Äußersten aus.

Einfach großartig, wie Mathias Ransberger als Alex mit seinem permanenten Griff zum Handy nervt und seine Geschäfte inmitten des Chaos' ungerührt weiterführt. Ganz das Gegenteil vom biederen, auf Ausgleich bedachten Micha, eindringlich gespielt von Sebastian Edtbauer. Als selbstgerechtes Muttertier Veronika, komisch und aggressiv zugleich, zeigt sich dagegen Ina Meling, und wenn sich Cornelia von Fürstenberg als vornehme Karrieristen-Dame Annette zur saufenden und kotzenden Hysterikerin wandelt, tobt das Publikum. So verging die Vorstellung wie im Flug, heftige Turbulenzen inbegriffen und gefolgt von einem Riesenapplaus. Wolfgang Schweiger

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