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Das Publikum in der Kulturfabrik NUTS war dazu auserkoren, das neue Programm von Christian Springer in einer Vorpremiere kennenlernen zu dürfen. (Foto: Heel)

Wenn die Moral auf der Strecke bleibt

Darf man in Kriegszeiten Kabarett machen? Auf jeden Fall. Oder genauer gesagt: Man MUSS sogar Kabarett machen. Das meinte auch der Münchner Kabarettist und Autor Christian Springer, als er kürzlich in der Traunsteiner Kulturfabrik NUTS in einer Vorpremiere sein neues Programm »Nicht egal« vorstellte. Und dabei wie gewohnt kein Blatt vor den Mund nahm.

So bezeichnete er Finanzminister Christian Lindner als »Volldepp«, der sich leider nicht an seine einstige Aussage, »es ist besser, nicht zu regieren, als falsch zu regieren«, gehalten habe und sich nun mit Maßnahmen wie dem Tankrabatt blamiere. Natürlich bekam auch die CSU ihr Fett ab, besonders in puncto der Verhinderung von Windkraftanlagen, und wer glaubt, dass durch den russischen Angriffskrieg in der Ukraine nur Dinge wie Gas oder Weizen knapp würden, für den hatte er ein interessantes Beispiel parat: den derzeitigen Mangel an Paletten. Für deren Produktion benötige man nämlich 78 Nägel in drei verschiedenen Größen, und die wurden bislang aus der Ukraine geliefert.

Darauf war niemand vorbereitet, nicht einmal Springer, der in seiner Rolle als »Fonsi«, dem passionierten Grantler und blau uniformierten Kassenwart von Schloss Neuschwanstein, jahrelang eine Aktentasche mit sich herumgetragen hatte. Und das aus gutem Grund, wie an diesem Abend zu erfahren war. Da rief er dem Publikum nämlich in Erinnerung, dass es seit 1962 eine Zivilschutzverordnung gibt, die im Falle eines Atomkriegs und der damit verbundenen radioaktiven Strahlung folgende Maßnahmen empfehlen würde: man solle die Fensterrahmen weiß anstreichen, sich verbarrikadieren (auch hinter Büchern) und dann flach auf den Boden legen. Am besten mit einer Aktentasche über dem Kopf.

Entsprechend informativ und sehr unterhaltsam verlief auch der Rest des Abends, wobei der Kabarettist auch eine wenig bekannte Episode aus der Karriere der Rolling Stones anführte, um zu zeigen, was passiert, wenn Eitelkeit und Blödheit sich paaren. Denn 1974, als es für die Stones nicht so gut gelaufen sei, habe Mick Jagger die schlagzeilenträchtige Idee gehabt, die damals 72-jährige Leni Riefenstahl für ein Foto-Shooting zu engagieren. So erfolgreich, dass die Dame noch viele Jahre danach von der Begegnung mit Jagger geschwärmt habe. Der Sänger hingegen konnte sich später angeblich an nichts erinnern.

Wolfgang Schweiger