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Wenn Eltern an Krebs erkranken, ist plötzlich alles ganz anders

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Dr. med. Marion Böger

»Oh wie gut, dass Sie da sind – die Frage, wie ich es meinen Kindern sagen soll, hat mich sehr belastet«: Das ist ein Satz, den Dr. Marion Böger gerade von jungen Müttern immer wieder hört. Marion Böger ist Ärztin und Psychoonkologin. Sie leitet die Familien- und Kindersprechstunde des gemeinnützigen Vereins »Gemeinsam gegen den Krebs e.V.«, der sich um die psychosozialen Probleme von Krebspatienten und deren Angehörigen in Traunstein kümmert.

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Durch Spenden finanziert konnte der Verein mittlerweile ein umfangreiches psychosoziales Beratungs- und Betreuungsangebot (u. a. psychoonkologische Krisenintervention, Ernährungs-, Rechts- und Sozialberatung etc.) etablieren.

Jährlich 50 000 Kinder als Angehörige betroffen

Doch wer kümmert sich um die Sorgen und Ängste der Angehörigen im engsten familiären Umfeld? Wer kümmert sich gerade um die Kinder der Eltern, die von einer Krebserkrankung betroffen sind? Laut Robert-Koch-Institut (RKI) erkranken jedes Jahr 37 000 Eltern mit minderjährigem Nachwuchs neu an Krebs; rund 50 000 Kinder sind betroffen.

Die promovierte Ärztin und Psychoonkologin Marion Böger, selbst Mutter von drei schulpflichtigen Kindern, hat bereits die Familiensprechstunde des Psycho-onkologischen Dienstes am Universitätsklinikum Regensburg über einen Zeitraum von zwölf Jahren aufgebaut. Seit knapp drei Jahren betreut sie nun für »Gemeinsam gegen den Krebs e.V.« bislang rund 70 Familien im Chiemgau.

Im Rahmen der Familien- und Kindersprechstunde finden krebskranke Mütter und Väter sowie deren Kinder Hilfe im Umgang mit der Situation. Individuell kann in Einzel- und Familiengesprächen und in der Trauerbegleitung auf die Fragen, Bedürfnisse und Nöte aller Familienmitglieder eingegangen werden, wobei gerade Kinder durch die Krebserkrankung eines Elternteils oft sehr belastet sind.

Marion Böger hat in ihrer langjährigen Tätigkeit in der Arbeit mit betroffenen Familien ein Konzept entwickelt, mit dem erfolgreich die so wichtige frühzeitige, präventive Beratung der Eltern erreicht werden kann. In Zusammenarbeit mit dem Onkologischen Zentrum am Klinikum Traunstein und den onkologisch tätigen Praxen der Region steht der Verein Eltern ab dem Zeitpunkt der Diagnose mit diesem Beratungsangebot zur Seite. Um ihre Kinder vermeintlich zu schützen, vermeiden Eltern immer wieder das offene und ehrliche Gespräch über die Diagnose Krebs. Da Kinder durch ihre feinen Antennen aber meist wahrnehmen, dass etwas nicht in Ordnung ist, sind sie mit ihren Sorgen und Ängsten alleine, wenn Mama und Papa nicht mit ihnen reden. Um dies zu verhindern, ist es Marion Böger wichtig, so früh wie möglich für Familien da zu sein.

Die Sprechstunde bietet eine zeitnahe Unterstützung und Beratungsmöglichkeit innerhalb weniger Tage nach Diagnose. Am Krankenbett, telefonisch oder in den Räumlichkeiten des Vereins bietet die Familiensprechstunde unkompliziert neben einer Krisenintervention und einer fundierten altersgerechten psychoonkologischen Beratung auch einfach ein offenes Ohr für die teils sehr heterogenen Nöte und Ängste der Eltern. »Marion Bögers besondere Fähigkeit liegt darin, den Eltern Strategien aufzuzeigen, wie man offen und altersgerecht über die oftmals tabuisierten Themen Krebs und Tod mit Kindern und Jugendlichen kommuniziert«, beschreibt Reinhold Frank, der 2. Vorsitzende des Vereins, ihre Empathie und Fähigkeiten. »So weiß man, dass bei frühzeitiger altersgerechter Information, die empfundene Belastung für Kinder geringer ist, als wenn die Krebserkrankung tabuisiert wird. Hierdurch wird langfristig das Risiko dysfunktionaler Bewältigungsversuche minimiert.«

Neben der präventiven Beratung kurz nach Diagnosestellung ist es dem Verein aber auch ein großes Anliegen, Familien eine langfristige Unterstützung zu ermöglichen. Gerade wenn Resilienz (d.h. die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen), intakte innerfamiliäre Strukturen und ein gutes soziales Netzwerk nicht gegeben sind, wenn Ängste der Eltern, ein Rezidiv oder Unwägbarkeiten im Behandlungsverlauf die Eltern verunsichern, erweist sich die Möglichkeit einer langfristigen, krebstherapiebegleitenden Betreuung im stationären und im ambulanten Setting sehr hilfreich.

Auch wenn diese Aufgabe sehr belastend ist, so freut es Marion Böger sehr, zu spüren, dass ihre Tätigkeit für viele Familien ein elementarer Bestandteil in ihrer begleitenden Betreuung war: »Ich möchte Ihnen für die großartige Unterstützung der letzten zwei Jahre danken! Sie haben mir oft die Augen geöffnet und meiner Familie und mir nachhaltig weitergeholfen«, so die Worte des Dankes einer Patientin mit Brustkrebs.

Offen über den bevorstehenden Tod sprechen

Auch in den Fällen, die keine medizinische Heilung zulassen, ist die frühzeitige, offene Kommunikation mit den Kindern über den bevorstehenden Tod von Mutter oder Vater und die Unterstützung des lebenden Elternteils hinsichtlich der Prävention von psychosozialen Folgeproblemen der Kinder krebskranker Eltern unerlässlich. So erfahren die Familien auch vor und über den Tod eines Elternteils hinaus in der Familiensprechstunde die oft notwendige Begleitung. Die Trauerbegleitung stellt inzwischen einen weiteren elementaren Schwerpunkt in der Tätigkeit von Marion Böger und dem Verein dar.

Eine professionelle empathische Betreuung, entsprechende Räumlichkeiten und viel Zeit sind die Grundvoraussetzungen für dieses Projekt. Die Kosten liegen hierfür jährlich im fünfstelligen Bereich, die der Verein durch Spenden finanziert.

Unterstützung durchMusiker und Sportler

Bislang konnten die Kosten für das Projekt durch Benefizveranstaltungen (u. a. mit LaBrassBanda, Django3000, Talkshow mit Thorsten Otto vom BR etc.) sowie private Geldgeber gesichert werden. Die Pandemie-bedingten Einschränkungen haben die Akquise der Spendengelder in diesem Jahr allerdings deutlich erschwert. Mit der Unterstützung prominenter Musiker und Sportler aus der Region in den sozialen Netzwerken versucht der Verein derzeit, diese Sprechstundenaktivität auch langfristig zu erhalten. »Ein super Projekt«, findet auch der weltbekannte Extremkletterer Alexander Huber, der spontan angeboten hat, beim Sternstunden-Tag des Bayerischen Rundfunks für die Familiensprechstunde des Vereins zu werben.

Auch die ehemalige Olympiamedaillengewinnerin und Künstlerin Steffi Böhler unterstützt gemeinsam mit Stephan Keller, besser bekannt als »Keller Steff«, das Projekt und hat zu Weihnachten für die Kindersprechstunde 30 Exemplare ihres gemeinsamen Buches »Der kleine Bulldogfahrer geht auf Reisen« zur Verfügung gestellt. Unterstützen kann aber jeder, auch mit einer noch so kleinen Spende, die Familien- und Kindersprechstunde des Vereins »Gemeinsam gegen den Krebs e.V.«, damit Marion Böger und der Verein auch 2021 Kinder und Familien helfen können.

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