weather-image
27°

»Wenn es ernst wird, muss man lügen«

0.0
0.0
Bildtext einblenden
»Pelzig stellt sich«: Im Traunreuter k1 befasst sich der fränkische Weltphilosoph mit viel Humor mit den Problemen, die die Menschen beschäftigen. (Foto: Heel)

Cordhut, Janker, rot-weiß kariertes Hemd und Herrenhandtäschchen – das ist er, Frank-Markus Barwasser alias Erwin Pelzig, der aus Film, Funk und Fernsehen bekannte fränkische Weltphilosoph. Um ihn einmal live zu erleben, waren jetzt knapp 600 Besucher ins Traunreuter k1 gekommen.


In Anlehnung an seine TV-Talkshow »Pelzig hält sich« hat er sein aktuelles Programm »Pelzig stellt sich« benannt, und das tut er auch. Engagiert, geistreich und witzig stellt sich der gebürtige Würzburger und vielfach ausgezeichnete Kabarettist fast drei Stunden lang den Problemen, die uns so beschäftigen.

Anzeige

Zum Beispiel den (inneren) Widersprüchen unserer Zeit den »kognitiven Dissonanzen«, die man ausschalten müsse, indem man sich die Dinge so lange schönredet, bis sie passend erscheinen. Wie etwa beim G7-Sommermärchen, das Pelzig mit den Worten »Könnte man Heuchelei in Energie umwandeln, wäre das fossile Zeitalter sofort zu Ende« kommentiert. Unerklärlich auch, so Pelzig weiter, »wieso ein Typ aus Angst vor Enttäuschung nicht mehr wählen geht, aber seit 30 Jahren Lotto spielt«.

Aber Pelzig empört sich auch, über die »neoliberale Schlangenbrut« und eine politische Moral à la Jean-Claude Juncker (»Wenn es ernst wird, muss man lügen«), und vor allem über den Satz der Kanzlerin, wonach sich die parlamentarische Demokratie »marktkonform« zu verhalten habe. Obwohl es eigentlich doch umgekehrt sein müsste, sich die Märkte »demokratiekonform« zu verhalten hätten. Tun sie aber nicht: »Ich glaube zum Beispiel nicht, dass die Autoindustrie an den Gesetzen mitschreibt. Nein, die liefern die bereits fix und fertig.« Ähnlich kritisch ist sein Standpunkt zum Handelsabkommen TTIP, das angeblich jedem Haushalt ein Plus von 545 Euro pro Jahr bescheren würde: »Wer, bitte, hat das ausgerechnet?«

Weil drei Stunden für einen Solo-Auftritt aber etwas lang wären, bringt Pelzig zwei weitere Bühnenfiguren ins Spiel, den protestantisch-konservativen Dr. Göbel und den eher einfach gestrickten Hartmut. Die ihm dann in teils recht kontrovers geführten Tischgesprächen helfen, verschiedene Sichtweisen auf ein Thema zu gewinnen. Aber auch das Publikum wird einbezogen, und zwar mit einer Verlosungsaktion, bei der Pelzig vorführt, wie seiner Auffassung nach politische Ämter besetzt werden: nämlich durch reinen Zufall.

Gegen Ende seines begeistert aufgenommen Auftritts hat er dann noch einen ganz besonderen Ratschlag parat: Man solle doch gleich am nächsten Morgen eine Bank aufsuchen und sich als potenzieller Großanleger ausgeben. Das würde zwar nichts am Finanzsystem ändern, aber man könne auf diese Weise dafür sorgen, dass während der Beratungszeit kein anderer über den Tisch gezogen wird. Und für ein (vielleicht sogar exquisites) Frühstück wäre vermutlich auch gesorgt. Wolfgang Schweiger