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Wenn Graf Chiemo den Schnaderhupfa tanzt

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Hat Freude mit dem Chiemgau Jugendsymphonieorchester: Dirigentin Ya-Wen Köhler-Yang im Traunreuter k1. (Foto: Hans Gärtner)

Als der 23-jährige Ludwig van Beethoven aus Bonn am 4. April 1803 in Wien sein soeben mit ihm als Solist uraufgeführtes Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll beendet hatte, gab es einen, der sich nicht wenig wunderte: Ignaz Xaver von Seyfried, der Umblätterer. Als er nämlich die Partitur anschaute, die dem Pianisten Beethoven vorlag, sah er – bis auf ein paar ihm »rein unverständliche ägyptische Hieroglyphen« – keine einzige Note auf dem Papier. Beethoven hatte seine Komposition in toto im Kopf. So wie 210 Jahre und wenige Monate später der 22-jährige Felix Nagl aus Ruhpolding im k1 in Traunreut: Der junge Mann hatte weder Partitur noch Umblätterer nötig, um sich mit dem dreisätzigen dritten Klavierkonzert Beethovens einem Publikum zu stellen, das womöglich allein schon die für einen solchen Auftritt erforderliche Gedächtnisleistung bewunderte.


Dass der am Mozarteum in Salzburg ausgebildete, bislang in Stuttgart und demnächst an der Kgl. Musikhochschule von Stockholm für ein Erasmus-Semester tätige Nagl aber diesem tollen Memo-Vermögen noch eins draufsetzte, was für so manchen jungen Klaviersolisten gar nicht selbstverständlich ist, bei aller Ernsthaftigkeit und für das Werk erforderlichen Konzentration des Herangehens die Dynamik und ein hohes Maß an Durchhaltefähigkeit mit Präzision und feinem musikalischem Empfinden für alle im Stück verborgenen Schattierungen der tonalen Aussage zu verbinden – das war ein nicht hoch genug einzuschätzendes Meisterstück. Wer dabei war, als Felix Nagl – im Zusammenspiel mit dem aufmerksam bei der Sache gebliebenen, im Blech ein wenig schwächelnden Orchester, bei der ausladenden, beinahe auszuufern drohenden Kadenz, in der Kontinuität der wohl stellenweise doch noch zu wenig »frei« und locker gestalteten Läufe – sein k1-Gastspiel gab, konnte nur begeistert darauf antworten und sich freuen, einen talentierten Nachwuchskünstler erlebt zu haben, der am Anfang einer verheißungsvollen Karriere steht.

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Den Programmzettel der in die »Kulturtage 2013« des Landkreises Traunstein eingebunden Veranstaltung des Musiksommers zwischen Inn und Salzach vor sich, stutzte man anfangs: Tonmeister Ludwig van Beethoven nach Schullehrer Thomas Hartmann? Darf eigentlich nicht wahr sein. Alter hat Vortritt. Jugend muss warten. Simon Nagl, der für den Ablauf Verantwortliche, riss das Ruder in letzter Minute herum und ließ mit Beethoven beginnen. So recht passten beide Werke ohnehin nicht zusammen. Ursprünglich war, als Abschluss, auch noch Händels »Feuerwerksmusik« vorgesehen gewesen – was das Fass der Potpourri-Freudigkeit zum Überlaufen gebracht hätte.

In der auf eine gute halbe Stunde ausgedehnten Pause war Zeit zum Umschalten – von gestern auf heute, von Beethoven auf Hartmann. Der 46-jährige Chieminger Pianist erlebte – in der Kulisse, aus der er für die herzliche Beifall-Entgegennahme urplötzlich heraustrat? – die Uraufführung seines Auftragswerks »Sketches of Paradise« für Bläserquintett und Orchester. Das ist ein recht durchwachsenes, der Filmmusik verwandtes, raffiniert ausgefliestes Chiemgau-Erlebnis-Bad, in das man – schwupp, schwapp! – hinein platscht und sich darin sauwohl fühlen darf.

So viel schräger Pop, wie angekündigt, war's dann gar nicht, sanfte Genres hatten das Sagen, rockig verziert, bluesig verbrämt, mit eklektischen Anleihen bei den Wiener Walzer-«Sträußen« (auch beim Münchner Richard mit zwei s), bald munter, bald melancholisch. Hartmann liebt leise, verträumte Stimmungen, ins Dämmrige gehende Wallungen, kommt gern zur Nacht, lässt aber vorher – nach sehnsüchtigen Blicken auf Gipfel- und Einkehrfreuden am Hochgern – den historisch unverbürgten Grafen Chiemo den Schnadahupfa tanzen, eingedenk der Zwiefachen aus dem vorangehenden 2. Satz.

Viel Beifall für den mit Blumen und hoher Zustimmung verwöhnten Komponisten und sein fünfsätziges Opus. Beide Bs gelten aber auch, in ganz hohem Maße, dem gekonnt und konzentriert aufspielenden Chiemgau Jugendsymphonieorchester und Chiemgau Brass unter Leitung von Georg Holzner. Die jungen Streicher und Bläser, Schlagzeuger und Zupfer hinterließen, mit einem reaktionssicheren Konzertmeister an der Spitze, einen guten Eindruck. Schon wie sie sich auf den klippenreichen Beethoven eingestellt und ihn zum Klingen gebracht haben, war aller Ehren wert.

Bei Hartmanns nicht weniger vertrackten Rhythmen und Farbwechseln fühlten sie sich am Ende doch wohler. Power-Dirigentin Ya-Wen Köhler-Yang gelang es mit Verve und Ganzkörpereinsatz, ihr wohl- präpariertes Orchester ebenso bewundernswert in Einklang mit dem Pianisten Felix Nagl bei Beethoven zu bringen wie sie es schaffte, scheinbar lässig auf den munter dahinrollenden »Paradise«-Wagen des Lokalmatadors Thomas Hartmann aufzuspringen und ihm zum Uraufführungserfolg zu verhelfen. Hans Gärtner