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Wenn in der Provinz Freejazz auf Freeskiing trifft

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Bounce im Tropical: Mit Standventilator als Verzerrer für Saxofon und Trompete. (Foto: Barbara Heigl)

Schön, dass Sie dageblieben sind!« sagte der Trompeter der Jazzformation »Bounce« schmunzelnd zum Publikum, als er nach der Pause mit seinen drei Kollegen wieder auf die Bühne ging. Überraschend viele Menschen hatten sich im neuen Traunsteiner Lokal Tropical eingefunden, um modernen Jazz zu hören, der sich ja nicht gerade durch seine leichte Konsumierbarkeit auszeichnet.


Freejazz trifft nun im Chiemgau auf Freeskiing. Wie passt das zusammen? Tom Leitner, der das Tropical gemeinsam mit seiner Frau Sabine Comper und Team in Traunstein eröffnet hat, ist professioneller Skifahrer und nun auch Gastronom und Veranstalter einer neuen, regelmäßig stattfindenden Jazz-Reihe. In Zusammenarbeit mit Jazz+, der etablierten Jazzreihe in der Münchner Seidlvilla, kommen nun jeden zweiten Sonntag eines Monats Newcomer und etablierte Künstler in die Provinz.

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Ein schnelles, gefährlich klingendes, intensives, spannendes und wildes Klangbild entwarfen die Musiker an diesem Abend für die zahlreich erschienen Zuhörer, die von den reaktionsschnellen Höchstleistungen auf den Instrumenten begeistert waren. Sie öffneten aber auch meditative Klangräume, huldigten genussvoll den Musikmustern der Popmusik, und verbanden all das zu einem stimmigen großen Ganzen.

To bounce bedeutet auf Englisch wegspringen, abprallen, aufprallen, abspringen, federn und beschreibt den musikalisch hochenergetischen, unberechenbaren Sound der 2010 in Bern gegründeten Schweizer Formation, die sich seit Studientagen kennt, treffend. An diesem Abend war man Zeuge davon, dass Jazz noch einmal neu erfunden werden kann, indem man wie Bounce neue Möglichkeiten auslotet, und diese, schneller als ein Gedanke, in immer noch aberwitzigere, fantastischere Klangräume einbaut.

Keine Chance gab es also an diesem Abend für die im Gehirn angelegten musikalischen Trampelpfade, neue Wege zwischen den Synapsen bildeten sich und befreiten Kopf und Herz von eingefahrenen Hörmustern. Stilistische Anklänge von Don Cherry bis Einstürzende Neubauten fielen einem beim Zuhören auf, die im musikalisch gut befeuerten Hochofen der Bounce-Musik mit den facettenreichen Ideen der inspirierten Truppe verschmolzen. Das ganz und gar ohne elektronische Verstärkung spielende Quartett begeisterte mit Julian Hesse an der Trompete und Jonathan Maag am Saxofon, die sich gegenseitig befeuerten, in nicht schwindelfreie Höhen aufzusteigen, abgesichert durch den Mann am Bass, Andrey Tatarinets, dessen pulsierendes Spiel etwas Erdung in das Geschehen brachte. Am Schlagzeug begeisterte Domi Chansorn, der mit feinfühligem Space-Drumming einige Goa-Techno-und Elektro-Beats beisteuerte und gerne mal mit dem Bogen des Bassisten auch den Rand der Stand-Tom effektvoll strich. Am Ende des Konzertes outete er sich als »böser Bube«, indem er auf der Bass-Drum Vollgas gab und man dabei sofort an die Einstürzenden Neubauten denken musste, welche ja Experimente mit extremer Lautstärke als musikalisches Konzept verfolgten. Was für ein elektrisierendes Vergnügen – ganz ohne Strom – dieser Abend für das Publikum war, konnte man in den glücklichen Gesichtern der Zuhörer nach einer kurzen und knackigen Zugabe erkennen.

Die CD »Altrustic Alchemy« von Bounce sollte in keinem gut sortierten CD-Regal von Jazzliebhabern fehlen, denn sie bildet die Ausnahme von der Regel, Freejazz könne man nicht als Konserve hören, sondern nur live im Konzert. Viele großartige meditative Momente und ein spannendes musikalische Gesamtkonzept machen sie so hörenswert.

Als Nächstes werden am Mittwoch, 13. Juli, der international renommierte Münchner Komponist, Bassist und Cellist Henning Sieverts und der Weltklasse-Vibraphonist Tim Collins als Duo im Traunsteiner Tropical spielen. Barbara Heigl