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Werther scheitert als Liebender und siegt als Tenor

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Das umjubelte Protagonistenpaar Werther (Piotr Beczala) und Charlotte (Angela Gheorghiu) sorgte bei den Salzburger Festspielen für ein opulentes »Betthupferl«. (Foto: Aumiller)

Die Salzburger Festspiele haben die Oper »Werther« von Jules Massenet für die mit Elína Garanca und Piotr Beczala vorgesehene Traumbesetzung der beiden Hauptrollen in konzertanter Form auf das Programm gesetzt. Garanca musste die Rolle abgeben, um ihrer kranken Mutter beizustehen. An ihrer Stelle hat die kapriziöse Operndiva Angela Gheorghiu die Partie der Charlotte übernommen, aber ihr Werther Piotr Beczala hat ihr mit seinem leuchtenden Tenor und ausgefeilten Klangporträt eindeutig die Show gestohlen.


Dichtes Musikdrama von berührender Wirkung

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Das lyrische Drama »Werther« des französischen Komponisten Jules Massenet nach Goethes Roman »Die leiden des jungen Werthers« erfreute sich, nach anfänglichen Turbulenzen während des Entstehungsprozesses, bei der Uraufführung am 16. Februar 1892 eines großen Erfolges. Massenet war damals schon mit einer Reihe seiner Opern der meist aufgeführte französische Opernkomponist der Epoche. Mit der Vertonung des Werther hat Massenet einen Welterfolg gelandet und er wurde in seiner Klangsprache und vielfarbig raffinierten Orchestrierung Inspirator für die nachfolgende Komponistengeneration, allen voran Giacomo Puccini.

Goethes Romanheld Werther, der an seiner Liebe zu Charlotte zerbricht und sich erschießt, da diese mit einem anderen Mann verlobt ist, den sie aus Gehorsam zu ihrer verstorbenen Mutter auch heiratet, hat in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts Staub aufgewirbelt. Zahlreiche Selbstmorde sollen die Folge der literarischen Vorlage gewesen sein.

In der Umformung zum Opernstoff schuf Massenet ein dichtes Musikdrama von berührender Wirkung, das nach szenischer Realisierung verlangt, diese dennoch in der packenden Wiedergabe im Großen Festspielhaus nichts vermissen ließ. Piotr Beczala als Titelheld nahm das Konzert sehr wörtlich, verzichtete auf jegliche »halbszenische« Andeutungen, dafür lag die ganze Aufmerksamkeit auf prachtvollem Singen, auf strahlender Ausformung des melodischen Reichtums mit tenoral sieghaftem Höhendrive, auf den ganz in den stimmlichen Ausdruck verlagerten Emotionen.

Zum Höhepunkt wurde natürlich seine brillante Arie »Pourquoi me réveiller«. Eine vokal rollendeckende Glanzleistung, die am Ende mit aufbrandendem Applaus bis zur höchsten Lautstärkestufe geehrt wurde und den Tenor zum Sieger des Abends machte. Angela Gheorghiu, eigentlich Sopranistin, hat sich nun die Mezzopartie der Charlotte adaptiert. Dass sich die elegante Operndiva stimmlich in tieferen Regionen anzusiedeln gesonnen ist, damit wandelt sie offenbar auf den Spuren ihres Mentors Plácido Domingo.

Elena Tsallagova wertet die Rolle der Sophie auf

Ob sie damit auf Dauer reüssieren kann, muss sich erst zeigen. Ihre Stimme ist nach wie vor von sahniger Qualität, gut geführt, ohne Forcieren. Aber ihre Klangstärke liegt eben doch in der Höhe, in der Mittellage fehlt es ihr für die Dramatik dieser Partie etwas an Biss und Durchschlagskraft und den Registerwechsel in die Tiefe bezahlt sie mit Qualitätsverlust. Davon abgesehen besticht sie stets mit Präsenz und stimmlicher wie persönlicher Caprice und Eleganz.

Daniel Schmutzhard machte Albert mit Baritonwürde zum präsenten Gegenspieler für Werther. Elena Tsallagova wertete die Rolle der Sophie mit brillanter Sopranhöhe und stimmgestalterischem Applomb ziemlich auf. Eine junge, anmutige und hochmusikalische Sängerin, die sicher noch oft von sich reden machen wird. Mit Giorgio Surian als Le Bailli, Martin Zysset als Schmidt und Ruben Drole als Johann waren die Begleitrollen adäquat besetzt.

Das Mozarteumorchester unter Alejo Pérez spielte durchaus seine Stärken aus, brillierte mit herausragenden Soli, fächerte die Schönheiten von Massenets Klangsprache eindrucksvoll vermittelnd auf. Der Dirigent machte es den Sängern nicht immer leicht, weil er sie, der vollen Dramatik der Orchestrierung hingegeben, öfter zudeckte. Im vollen Drive kam dann auch mal die Transparenz des französischen Klangdufts etwas zu kurz. Dafür war musikalisch pralles Leben am Werk, ungeachtet der Tragik des Sujets. Aber insgesamt herrschten Klangpracht und vielfältig differenziertes Musizieren vor. Durch den späten Beginn um 21 Uhr endete der Abend erst kurz nach Mitternacht und wurde somit zum opulenten »Betthupferl«. Elisabeth Aumiller